Aussterbende Berufe in Zeiten des Internets - Teil 1: "Der KFZ-Vertragshändler"

verfasst am 06.02.2013 von Christoph Wenk-Fischer

Es gibt Branchen, über die immer wieder geschrieben wird, dass sie in Zeiten des Internet keine Zukunft haben: Die gedruckte Tageszeitung hat's schwer, der Buchhändler an der Ecke macht sich Sorgen, in einsamen Plattenläden sitzt deren Inhaber bei einer selbstgedrehten Zigarette und denkt an die gute alte Zeit zurück. Aber Totgesagte leben länger und das Internet hat schon oft gezeigt, dass es noch viele Nieschen bietet. Dass also diese vordergründig von der Digitalisierung Betroffenen tatsächlich verdrängt werden, sehe ich noch nicht. Es gibt aber viele andere Kandidaten für meinen persönlichen "Dinosaurierer des Jahres". So möchte ich mich von jetzt an in unregelmäßigen Abständen solchen Branchen widmen, denen ich vor allem aufgrund meiner eigenen, sehr persönlichen Erfahrungen mit ihnen sehr harte Zeiten prognostiziere.

Und los geht es in Teil 1 mit dem Autohändler - und zwar genauer mit dem guten, alten, deutschen KFZ-Vertragshändler. Fast jeder Autobesitzer kennt ihn, fast jeder hat in unzähligen Stunden des sinnlosen Wartens in seinen Verkaufsräumen schon die an der Wand hängenden Zertifikate auswendig gelernt, weil die "ADAC-Motorwelt" als Lese-Alternative bereits von dem freundlichen Menschen mit Hut gegenüber studiert wurde. Ich glaube, wohl an keiner Berufsgruppe ist das Internet so spurlos vorbeigegangen, wie am Autohandel unter dem schützenden Dach der "großen" Marken. Ich schreibe jetzt nicht über hoch professionelle Internet-KFZ-Plattformen wie mobile.de oder autoscout24.de und wie sie noch alle heißen. Ich rede auch nicht über pfiffige Webseiten von manchen Gebrauchtwagenhändlern oder Netz-Auftritten von Neuwagenvermittlern, wie unserem neuen Berliner Taubenstraßen-Nachbarn autohaus24.de. Ich rede vom "klassischen" KFZ-Vertragshändler, der früher nur an eine Marke gebunden war, heute aber - welch ein Fortschritt - neben sein angestammtes Autohaus mangels Kundeninteresse an den bisher exklusiv angebotenen, Sprit schluckenden CO2-Schleudern gleich noch einen weiteren Showroom mit Kleinwagen einer anderen Marke angebaut hat. Solche Unternehmen haben klassisch mehrere Säulen ihrer Geschäftstätigkeit, vor allem den Fahrzeugverkauf, das Zubehörgeschäft und die Werkstatt. Sehen wir uns also gemeinsam an, warum diese Säulen bröckeln:

a) Der Fahrzeugverkauf; speziell: das Neuwagengeschäft

Kann mir bitte jemand erklären, warum ich auf den Herstellerseiten mein Wunschfahrzeug online konfigurieren und mir die Finanzierung oder Leasingrate auf den Cent genau anzeigen lassen  - aber weder beim Hersteller selbst, noch bei seinem Vertragshändler online bestellen und mir gar nach Hause liefern lassen kann? Klar, ein Auto ist super-erklärungsbedürftig ("Wo geht das Licht an?"), emotional aufgeladen ("Und hier noch ein Strauß Blumen für die Dame des Hauses!"), wertvoll (oft, wenn noch neu) und es gilt alles das, was auch andere Hersteller von hochwertigen Markenartikeln gegen E-Commerce vorgebracht haben, ehe sie selbst oder mittels ausgesuchter Händler eingestiegen sind. Aber für mich als Kunden zählt das alles nicht! Leute, lasst mich mein Auto zuhause kaufen. Zwingt mich nicht in Autohäuser, in denen genau das Auto, das ich will ohnehin nicht direkt zum Mitnehmen bereit steht. Lasst mich online Produktbilder, -videos und -vergleiche ansehen. Gebt mir eine gute Stichwortsuche, eine Hilfefunktion die alle meine Fragen beantworten kann, lasst mich online konfigurieren, bestellen und bezahlen (Und wenn es aus verschiedensten Gründen unbedingt so sein soll, dann nicht beim Hersteller direkt, sondern wenigstens bei seinem mir vorgeschlagenem Vertragshändler) und liefert mir meinen Wagen dann zu meinem Wunschtermin fertig zugelassen und versichert nach Hause vor die Tür. Das geht heute wirklich - aber leider eben nur theoretisch!

b) Das Zubehörgeschäft

O.K. - dann fangen wir doch wenigstens mal "klein" an: mit "Original-Zubehör". Autozubehör kann man online kaufen und verkaufen. Das ist kein Hexenwerk. Es geht bei einem Luxemburger Anbieter, auf vielen Plattformen, in einer großen elektronischen Bucht, auf Autoteile Müllers, Mayers oder Schulzes Website, aber nicht bei den großen deutschen Herstellern oder ihren festen Partnern - was zu beweisen wäre.

Beispiel Original-Fußmatten für ein bayerisches Auto-Fabrikat: Leider aktuell "versifft"; Kaffee, Asche, Pfützenwasser, Schokolade und wer weiß was noch an Fleck- und geruchsbildenden Stoffen dort mit festen Sohlen eingearbeitet wurde. Neue, und zwar Originalteile des Herstellers müssen her - damit sie sich wieder fest anknöpfen lassen und nicht unter die Pedale rutschen. Also rauf auf die Seite des weiß-blauen Autoherstellers und in die Rubrik "Service und Zubehör", dort unter "Original weiß-blaues Zubehör", dann unter "Original weiß-blaues" Zubehör erleben - wie bitte, was soll das denn? Ach so, da ist der "weiß-blaue Performance-Film", den ich eher unter "Bilder &Videos" vermutet hätte. Na dann doch lieber auf "weiß-blaues Zubehör finden". Und da ist dann wirklich eine "Produktsuche". "Fußmatten" eingegeben, als Filter den Fahrzeugtyp eingegeben und schon sehe ich drei verschiedene Mattentypen. Ich entscheide mich für "Gummi". Allerdings sehe ich keinen "Kaufen"-Button, sondern einen mit der Beschriftung: "Angebot jetzt anfordern". Nanu, wie cool ist das denn? Die machen mir also ein echt heißes Angebot über Gummi-Fußmatten,; vielleicht mit exklusiven Online-Sonderkonditionen, Geschenkverpackung, ein Zugabe-Bundle mit Gummipflegemittel gar? Dort klicke ich also und ein Kontaktformular, in das automatisch die Produktdaten übernommen worden sind, geht auf. Toll, dass dort auch eine "Widerufsbelehrung" steht, deren Text aber der einer fehlerhaften Datenschutzbelehrung ist. Ich gebe trotzdem alles ein, auch das "Captcha", meine persönlichen Daten und klicke auf "weiter" und bekomme folgende Mitteilung: Vielen Dank. Ihre Anfrage wurde erfolgreich versendet. Wir senden Ihnen die gewünschten Informationen in Kürze zu." Ich will aber keine Informationen, sondern Fußmatten!

Eine Woche später (!) bekomme ich dann einen Anruf von der Hersteller-Niederlassung in Hamburg-Wandsbek, obwohl ich weit weg von dort wohne. Ein freundlicher junger Mann teilt mir mit, ich könnte dort die Matten kaufen. Prinzipiell aber nur, denn sie haben sie nicht da und müssten sie für mich bestellen. Wenn sie das jetzt tun sollten, könnte ich sie in ca. einer Woche dort abholen – und zwar Montag bis Freitag zwischen 8 und 16 Uhr und nur gegen Barzahlung. Nein, zuschicken könnten sie mir die Matten nicht und samstags ist der Teileverkauf nicht besetzt.

Ich bestelle mir also ganz schnell online bei Autoteile Müller, Mayer oder Schulze einen Satz nicht originale, aber passende Gummi-Fußmatten, auf die ich meine bitteren Tränen ob dieser Geschichte vergießen kann, ohne dass das Auto leidet.

c) Die Werkstatt

Nur ganz kurz und statt langer Geschichten über die Versuche, als berufstätiger Mensch einen passenden Werkstatt-Termin zu bekommen, hier nur ein Tipp: Mein Arzt hat auf seiner Website einen Kalender stehen, in dem ich freie Termine online sehen und "buchen" kann. Ich bekomme dann noch per E-Mail oder SMS oder telefonisch, je nach meiner Wahl, eine Terminsbestätigung und es passt! Welche Vertragswerkstatt bietet so eine einfache und zeitgemäße Möglichkeit an? Bitte melden!!!

Soviel zu wesentlichen Säulen des KFZ-Vertragshändlergeschäftes im Jahr 22 des kommerziellen Internetzeitalters. Das ist zwar nur ein subjektives Beispiel anhand einer Marke. Probieren Sie doch gerne bei anderen Marken aus Hessen (-), Schwaben (im Web-Shop gibt es alles, nur kein Autozubehör) oder Niedersachsen aus, ob und wie anders es dort funktioniert - Stichwort zu letzteren: Dort gibt es "Abholartikel". Selten so gelacht über einen Euphemismus für "Nichtlieferung".

Wie sehen Sie das? Hat so ein Geschäftskonzept noch eine Zukunft oder kann es nur künstlich, durch Zufuhr von Treibstoff, am Laufen gehalten werden?

Christoph Wenk-FischerPermalinkTrackback-Link
Tags: autozubehör, autoteile, vertragshändler
Views: 11746
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  • 1 Kommentar(e)
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Horst
07.02.2013
12:09
 Uhr
Sie sprechen mir aus der Seele

Neu-Autokauf geht auch anders. Über das Internet kontaktiert man einen sogenannten grauen Händler. Da ich sowieso wieder den gleichen Wagen (neueres Modell) kaufe, erspare ich mit den Weg in den Verkaufsraum, wo sowieso nur ein Verkäufer nervt und ihre Telefonnummer und Adresse haben will. Ach ja - und der gedruckte Prospekt ist gerade aus. Man bekommt in wenigen Minuten die Preisliste per E-Mail zugesendet und man sucht sich aus, was man haben will. Vielleicht noch einmal anrufen - um Details zu erfragen und dann - wegen der Unterschrift - die vorgeschriebene Bestellung faxen. Ein paar Wochen später ist der Wagen dann aus Dänemark eingetroffen, bezahlt und abgeholt (leider nicht gebracht). Dass das 25-30% preiswerter als mit notorisch unterbeschäftigten Autoverkäufern in beleuchteten und beheizten Glaspalästen geht - ist auch klar. Und die Werkstatt? Da habe ich eine kleine, unabhängige Meisterwerkstatt, die garantieerhaltend meine Wartungen durchführt. Nur zu Garantiereparaturen muss man noch zum Glaspalast. Das erspare ich mir mittlerweile aber auch, weil man die paar Hundert Euros am Anfang schon gespart hat und ich meine freie Werkstatt gerne etwas unterstütze. Man hat auch schon davon gehört - und ich meine es auch schon einmal bemerkt zu haben - dass bei mancher Reparatur im Glaspalast bereits der Grundstein für eine Folgereparatur 'gelegt' wird. Das Auto-System hat Kratzer bekommen. Das wird sich in den kommenden Jahren ändern. Ach ja - ein neues Auto ist bestellt, da wird ausgeliefert und da kommt sogar der Servicewagen zur Inspektion nach Hause. Ich bin gespannt.

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