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Ernst Litfaß in der digitalen Welt?

geschrieben von Eva Rohde

Werbung ist ein alt bewährtes Mittel von Händlern um den Umsatz zu steigern und den Wettbewerb zu fördern. Bereits 1848 errichtete Ernst Litfaß die ersten nach ihm benannten Reklamesäulen und revolutionierte damit Werbung im öffentlichen Raum.

Die Litfaßsäulen des 21. Jahrhunderts heißen Werbebanner. Doch mit der zunehmenden Verbreitung von Werbebannern kamen auch sogenannte Werbeblocker auf, mittels derer Verbrauchern auf bestimmten Internetseiten keine, bzw. nur eingeschränkt, Werbung angezeigt werden kann.

Dies hat weitreichende Konsequenzen, denn auf diesem Wege werden kostenlose, da werbefinanzierte, Inhalte im Internet erheblich bedroht. Welcher Händler ist schon bereit, für die Schaltung seiner Werbung zu bezahlen, wenn die Werbung hinterher von Werbeblockern blockiert wird und damit den potentiellen Kunden gar nicht erreicht?

Zudem hat der BGH jüngst in seinem Urteil vom 22.3.2018, Az. VII ZR 71/17, entschieden, dass ein Werbevertrag auch dann ein Werkvertrag im Sinne des § 631 BGB ist, wenn der vom Werbenden gewünschte Werbeerfolg ausbleibt, sofern der Werbeerfolg nicht ausdrücklich Vertragsbestandteil geworden ist.

Damit steht zu befürchten, dass viele Händler nunmehr davon Abstand nehmen werden, Werbung im Internet zu schalten und damit das gesamte Konzept von kostenlos zugänglichen, für die Meinungspluralität bedeutsamen, durch Werbung finanzierten Inhalten in Gefahr gerät.

Zwar bietet der Werbeblocker „AdBlock Plus“, Beklagter in dem Verfahren vor dem BGH, das mit Urteil vom 19. April 2018, Az. I ZR 154/16, entschieden wurde, Händlern die Möglichkeit an, seine Werbung auf eine Whitelist setzen zu lassen, sofern Verbraucher die Werbung vorab als „akzeptable Werbung“ eingestuft haben. Diese Freischaltung lässt sich der Werbeblocker jedoch von den Händlern bezahlen. Auf das 19. Jahrhundert bezogen, würde dies bedeuten, dass ein Dienstleister jede Litfaßsäule verhüllt, und die Werbetreibenden, die die Flächen auf der Litfaßsäule gemietet haben, selbigen Dienstleister bezahlen müssten um die Verhüllung der Reklamesäule zu unterlassen.

Unglaublich, aber dieses Geschäftsmodell stufte der BGH nun als zulässig ein. Nach seiner Ansicht stelle es keine unlautere Handlung im Sinne des § 4 Nr. 4 UWG dar, da mit dem Werbeblocker die Funktionsfähigkeit der Internetseite selbst nicht beeinträchtigt werde. Die mittelbare Beeinträchtigung, die die Domaininhaber damit erleiden, sei zudem hinnehmbar. Schließlich hätten die Domaininhaber noch die Möglichkeiten ihren Inhalt gegen Entgelt anzubieten oder Domainbesuchern den Content nur dann anzubieten, wenn diese den Werbeblocker abschalten.

Der Groll der Kunden wird sich dann aber nicht gegen den Werbeblocker richten, sondern gegen den Domaininhaber und den Werbenden.

Das letzte Wort ist jedoch noch nicht gesprochen. Der Axel Springer Verlag, Kläger in dem o.g. Verfahren vor dem BGH, kündigte an, gegen das Urteil Verfassungsbeschwerde einzulegen, da er in der Einschränkung des werbefinanzierten Konzepts einen verfassungswidrigen Eingriff in das Presserecht sieht.

Die Disruption frisst ihre Kinder: Bye-bye, Online-Marketeers?

geschrieben von Martin Groß-Albenhausen am 15.03.2018

Die Entscheidung von Zalando, künftig in stärkerem Maß Marketing-Entscheidungen von Algorithmen als von Menschen treffen zu lassen, ist ein Menetekel. Tatsächlich ist es heute schon so, dass durch Programmatic Advertising – angesichts von Entscheidungen in Millisekunden auf Bidding-Plattformen – die Tätigkeit des einzelnen Marketeers neu definiert werden muss.

Um die 200+ Zalando-Mitarbeiter braucht man sich keine Sorgen machen. Es hagelt schon Angebote aus dem E-Commerce, in dem Fachkräfte mit Praxiserfahrung im Online-Marketing Mangelware sind. Und für jeden entfallenden Job will Zalando zehn neue schaffen.

Aber wie steht es um die Zukunft auch der digitalen Arbeit?

Gerade hat die Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers eine spannende Untersuchung über die Folgen von Algorithmen, Automatisierung und autonom interagierenden und entscheidenden Computern veröffentlicht.

Danach sind bis in die Mitte der 2030er Jahre in Deutschland in drei Wellen 37 Prozent aller Tätigkeiten durch Automatisierung ersetzbar. Kein Spitzenplatz auf der Bedrohungsskala, immerhin.

Interessant ist dabei, dass die Studie eigentlich die repetitiven, manuellen/handwerklichen Tätigkeiten im Blick hat. Fokussiert man sich auf die Handelsbranche, taxiert PWC das Gefährdungspotential im gleichen Zeitraum hierzulande auf 43 Prozent, und fast jede zweite einfache Tätigkeit in Groß- und Einzelhandel könnte wegfallen. Aber auch nahezu jede fünfte Position, die einen höheren Bildungsabschluss voraussetzt.

  • Laut PWC-Studie betrifft die Automatisierung im deutschen Handel bis 2035 mehr Männer als Frauen, aber nicht nur niedrige, sondern auch mittlere Ausbildungsniveaus massiv.


Es sollte den deutschen Händlern zu denken geben, dass sie gemeinsam mit der Slowakei die zweit-düstersten Aussichten im Hinblick auf Jobverlust haben. Noch schlimmer stehen lediglich die USA da – aus dem Blickwinkel des Distanzhandels keine Überraschung, da dort z.B. in den Logistikzentren wegen der geringen Lohnkosten noch deutlich weniger intelligente Fördertechnik zum Einsatz kommt.

Und nun zurück zu Zalando: Während anderswo das Onlinemarketing gerade erst Einzug hält und es als weitsichtig und zukunftsorientiert gilt, sich mit Analytics zu beschäftigen, will ein bildlich gesprochen auf Steroiden laufender E-Commerce-Sprinter hier Maschinen mit Maschinen handeln lassen. Investiert wird stattdessen in „Digital Creative“, mit Fokus auf Personalisierung. Gesucht werden Coder, keine Marketer.

Muss dies der Branche den Angstschweiß auf die Stirn treiben? Müssen sich die „digitalen Fachkräfte“, die wir ab 2018 mit dem Ausbildungsberuf der Kaufleute im E-Commerce überhaupt erst entwickeln, schon vor dem Start Sorgen um ihre Zukunft machen?

Sicher ist, dass künstliche Intelligenz überall da massiv Arbeitsplätze kosten wird, wo Algorithmen unbestechlich und filigran Entscheidungen testen, messen, analysieren und optimieren. Das wälzt heute schon die Banken- und Versicherungsbranche um und wird erbarmungslos auch die heute noch begehrten „Data-Cruncher“ im E-Commerce dezimieren. Wir dürfen uns auch daran gewöhnen, dass Computer bessere Algorithmen entwickeln: sonst wäre KI nur ein Programm, keine „Intelligenz“.

Algorithmen gefährden in diesem Sinn längst Positionen im klassischen Katalogmarketing und in der Kreation: Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass ein Category-Manager Doppelseiten und Strecken besser verplanen könnte als ein Computer, der deutlich mehr Datenpunkte heranzieht. „Seiten schrubben“ – das können Maschinen bald genau so gut wie Menschen.

Wer sich mit fortgeschrittenen Database-Publishing-Systemen beschäftigt, erkennt freilich, dass es eine Grenze gibt, wo ein Katalog mehr ist als eine perfekt bebilderte und nach Quadratzentimetern optimierte Artikelliste. Wo Kundenverständnis, pardon: Customer Centricity mehr ist als die Auswertung von Touches. Wo „relation“ in „rapport“ übergeht.

Und doch: Mit der „dritten Welle“ aus dem PWC-Report werden auch viele Positionen im E-Commerce entfallen. Die Digitalisierung nimmt keine Gefangenen. Sie lässt sich auch nicht durch Tarifmäntel und Arbeitsrecht domestizieren.

Die Disruption frisst ihre Kinder. Und gebiert neue.

Unboxing Groko 3.0 - Der Koalitionsvertrag aus der E-Commerce-Perspektive

aufgeschrieben von Sebastian Schulz am 14.03.2018

Damit hatte ich nicht gerechnet: Als ich kurz vor dem zeremoniellen Ringetausch meiner Ehefrau in spe die Idee eines (ideellen) Ehevertrages mit Evaluationsklausel vorschlug, setzte ich nicht etwa die bevorstehende Hochzeit aufs Spiel. Sie fand das gut! Und warum auch nicht? Sich und den Partner nach Ablauf einer gewissen Dauer der Zweisamkeit einmal kritisch zu hinterfragen, ob das Gemeinsame wirklich noch Spaß und Sinn macht, ist allemal besser, als trübe Stimmung, Zoff und gegenseitige Blockade. Ähnliches hatten die Parteichefs von CDU, CSU und SPD wohl auch im Sinn, als sie – erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik – eine solche Evaluationsklausel (vulgo: Sollbruchstelle) in den neuen Koalitionsvertrag aufgenommen haben. Auf den Zeilen 681 bis 683 heißt es dort wörtlich: „Wir überprüfen die Einhaltung des Koalitionsvertrages: Zur Mitte der Wahlperiode Bestandsaufnahme des Koalitionsvertrages und Entscheidung, welche neuen Vorhaben vereinbart werden müssen.“ Politische Blasphemie! Von dem ungeheuren Zeitdruck, den sich die Regierungsparteien darüber selbst auferlegt haben einmal ganz zu schweigen. Denn wohlgemerkt: Der Zeitpunkt der angedachten Rekapitulation, die „Mitte der Wahlperiode“, ist der September nächsten Jahres.

Von ein/zwei groben Bugs einmal abgesehen, hält der Koalitionsvertrag für die Branche der Online- und Versandhändler hingegen wenig Aufregendes bereit. Das mit 177 Seiten recht dickleibige Werk kann man z.B. hier auf der auf Website der CDU abgerufen werden. Eine Auswahl der aus meiner Sicht für unsere Branche relevanten Passagen habe ich nachfolgend kurz zusammengestellt (die Klammerzusätze markieren dabei die Fundstelle im Text, Z=Zeile):

Digitalisierung – allgemein

Das Thema Digitalisierung ist zumindest im Sprachgebrauch des politischen Berlins angekommen. Der Begriff findet sich auf 61 Seiten, jeweils teilweise mehrfach. Die Digitalisierung wird als „Chance für Wohlstand und sozialen Fortschritt“ verstanden (Z1604). In „allen Bereichen“ soll sich Deutschland „zu einem starken Digitalland“ entwickeln. Die Wahl des Tempus zeigt, dass man an dieser Stelle offenkundig Nachholbedarf identifiziert hat. In „allen Bereichen“ ist an dieser Stelle freilich keineswegs wörtlich zu verstehen (siehe unten „Verbot des Rx-Versandhandels“). Dem üblichen Vier-Jahres-Turnus folgend, wird uns auch in diesem Koalitionsvertrag eine flächendeckende Breitbandinfrastruktur versprochen, dieses Mal angereichert mit ambitionierten Zielen bei 5G (Z1631).

Viel Kritik erntete derweil die Entscheidung, anstelle eines Digitalministeriums „nur“ eine Staatsministerin für Digitales im Kanzleramt zu installieren. Kritik, die ich nie verstanden habe. Im Gegenteil ist mir in den vergangenen Jahren nicht ein einziges überzeugendes Argument untergekommen, dass für die Einrichtung eines zig Millionen Euro teuren Ministeriums für Digitales gesprochen hätte. Ein solches Ministerium hätte was zu entscheiden gehabt? Genau gar nichts. Eine sinnentleertere Nebelkerze hätte man nicht werfen können. Und; wer heute weiterhin einer künstlichen Aufspaltung von Online- und Offline-Sachverhalten das Wort redet, redet an der Lebenswirklichkeit des überwiegenden Teils der Bürger vorbei. Ich halte die Einrichtung einer koordinierenden Instanz im Kanzleramt für absolut sinnvoll. Dass dann noch mit Dorothee Bär für das Amt der Staatministerin alles andere als eine schlechte Personalentscheidung getroffen wurde, rundet die Sache ab.

Handel – allgemein

Nach der neuen Koalition ist die Digitalisierung auch für den Einzelhandel zugleich „Chance und Herausforderung“ (Z2828). „Immerhin“, möchte man lakonisch anmerken. Und tatsächlich war, anders als noch vor vier Jahren, die Dämonisierung des E-Commerce auch bereits in den Vorentwürfen für den Koalitionsvertrag kein Thema mehr. Vermutlich um primär den Herausforderungen zu begegnen, soll ein „Kompetenzzentrum Handel“ geschaffen werden, das „konkrete Hilfestellungen für den kleinen und mittleren Einzelhandel“ leisten soll. Nach einer zunächst europaweiten Ausschreibung wird es vermutlich im Herbst dieses Jahres losgehen. Zu hoffen bleibt, dass das geplante Kompetenzzentrum mehr als nur ein weiterer Debattierclub ohne praktischen Output darstellen wird.

Ansonsten wird auch im aktuellen Koalitionsvertrag der Handel traditionell stiefmütterlich gewürdigt. Dass man sich angesichts trumpesken Protektionismus klar für offene Märkte sowie freien und fairen Handel ausspricht (Z2464), ist symbolisch freilich wichtig, am Ende aber bitte nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit.

Verbot des Rx-Versandhandels

Als einziger echter Fremdkörper inmitten des der Digitalisierung durchaus positiv zugewandten Vertragswerkes kommt die anachronistische Idee des Verbotes des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten daher. „Um die Apotheken vor Ort zu stärken“ setze man sich für ein entsprechendes Verbot ein (Z4574). Verwundert reibt man sich an dieser Stelle die Augen, hält doch kein einziges der durch die Lobby der stationären Apotheker vorgebrachten Argumente einer genaueren Überprüfung stand. Dass an dieser Stelle ein auch seitens der politischen Entscheider als offensichtlich europarechtswidrig erkanntes Vorhaben für die neue Legislaturperiode wieder exhumiert wurde und den Gerichten abermals die Letztentscheidung übertragen wird, wirft ein fatales Licht auf den Gesetzgeber.

Europapolitik

Dass das sog. „One-In-One-Out“-Prinzip endlich auch auf europäischer Ebene verankert werden soll, ist gut und überfällig (Z1929). Praktisch kommt heute kein neues für die Branche der Online- und Versandhändler relevantes Gesetz mehr ohne neue Informations- oder Dokumentationspflichten aus. Hier muss gerade mit Blick auf den Gesetzgebungsapparat in Brüssel dafür gesorgt werden, dass bei neuen Vorgaben zumindest durch das Abschmelzen vergleichbarer Pflichten an anderer Stelle kompensatorisch eingegriffen wird. Das Bürokratiemonster hockt längst nicht mehr unter der Berliner Reichstagskuppel, es hockt in der rue Wiertz in Brüssel. Übrigens war es der bevh, der das Thema wieder und wieder in die Diskussion eingebracht hatte, zuletzt über unsere E-Commerce-Agenda 2017. Gleiches gilt für das Vorhaben, europäische Vorgaben 1:1 umsetzen zu wollen (Z2919). Das gerade seitens des deutschen Gesetzgebers gern gewählte Goldplating, d.h. die Übererfüllung europäischer Vorgaben im nationalen Recht, gehört damit der Vergangenheit an.

Bekämpfung des Abmahnunwesens

Stichwort Compliance-Pflichten: Höchst erfreulich ist, dass die ursprünglich durch den bevh auf die politische Agenda gesetzte und sodann durch eine breite Verbändekoalition aufgegriffene Forderung nach einer Reform des Abmahnwesens Einzug in den Koalitionsvertrag gefunden hat (Z5836).

Daten(-schutz-)politik  und Verbraucherschutz

Dass angesichts der Tatsache, dass ab dem 25.5. dieses Jahres mit der unmittelbar anzuwendenden, vollharmonisierenden EU-Datenschutz-Grundverordnung überhaupt ein Passus zum Thema Datenschutz im Koalitionsvertrag zu finden sein würde, ist keine Selbstverständlichkeit. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der zentrale Absatz zum Datenschutz (Z2091) dann auch einerseits als Wiedergabe des Texts der Grundverordnung („Wir wollen Datenportabilität“), andererseits als Absichtsbekundung, die schlechterdings nicht einzulösen ist. Ohnehin erscheint die nun proklamierte „innovationsfreundliche Anwendung“ der Datenschutz-Grundverordnung als nur allzu heuchlerisch. Hätte man es hiermit wirklich ernst gemeint, wäre der Gesetzgebungsprozess in Brüssel hierfür die richtige Bühne gewesen. Mit der weiterhin im europäischen Gesetzgebungsprozess befindlichen E-Privacy-Verordnung bekommt die Koalition hier nun eine zweite Chance. Den Passus, wonach sich die Regierungsparteien für eine E-Privacy-Verordnung einsetzen wollen, „die im Einklang mit der EU-Datenschutz-Grundverordnung die berechtigten Interessen von Verbraucherinnen und Verbrauchern und Wirtschaft angemessen und ausgewogen berücksichtigt“ (Z2757), sollten sich v.a. die Vertreter des Bundesjustizministeriums ausdrucken und an das ministeriale Pinnbrett heften.

Beim Verbraucherschutz soll auch in der anstehenden Legislatur überwiegend geleitet, bewahrt, genugdt und gepampert werden, auch und erst recht in der „digitalen Welt“ (Z6417). So soll etwa dynamische Preisbildung „nach klaren Regeln transparent dargestellt werden“ (Z6384). Zum Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher sollen „Algorithmen- und KI-basierte Entscheidungen, Dienstleistungen und Produkte überprüfbar [gemacht werden], insbesondere im Hinblick auf mögliche unzulässige Diskriminierungen, Benachteiligungen und Betrügereien“ (Z6378). Staatlich verordnetes Reverse Engineering, man darf gespannt sein. Vermittlungs-, Buchungs- und Vergleichsplattformen sollen „hinsichtlich ihrer Bewertungssysteme“ transparenter gemacht werden (Z6401). Verbunden mit einem besonderen Dank nach Wolfsburg dürfen wir uns last not least auf die Einführung der sog. Musterfeststellungsklage einrichten (Z5807). Das in Europa vorherrschende Vorsorgeprinzip, d.h. umfangreiche Informations- und Zulassungspflichten, wird mit dem v.a. aus den USA bekannten Nachsorgeprinzip, d.h. Verfahren vor Gericht, kombiniert. Das Beste aus beiden Welten also – zumindest aus der Perspektive des Verbraucherschutzes.

Arbeitspolitik

Auf dem Papier ist die Digitalisierung schließlich auch in der Arbeitspolitik angekommen. „Das Zeitalter der Digitalisierung wollen wir als Chance für mehr und bessere Arbeit nutzen“ heißt es in Zeile 2328. Selbstbestimmtere Arbeitszeit auch in tarifgebundenen Unternehmen (Z2366) und den Plänen zur Schaffung eines Rechtsrahmens für mobiles Arbeiten (Z1826) konkretisieren an dieser Stelle. Bei Förderung neuer Geschäftsmodelle soll gleichzeitig die Tarifbindung gestärkt werden. Das Reizwort der Allgemeinverbindlicherklärung sucht man im Vertrag zwischen CDU, CSU und SPD vergebens. Gut! Dem entgegen wird sich der geplante Rechtsanspruch auf befristete Teilzeit in nicht wenigen der betroffenen Unternehmen (>45 Mitarbeiter) als große Herausforderung darstellen.

Omnichannel und das Marktplatz-Paradigma

geschrieben von Martin Groß-Albenhausen am 13.03.2018

Vor ziemlich genau vier Jahren haben wir im Rahmen der jährlichen Studie zum Einkaufsverhalten im Interaktiven Handel zum ersten Mal die Online-Marketplaces als eigene Kategorie ausgewiesen. In den einschlägigen Blogs gab es einen Aufschrei, denn zum ersten Mal wurde aus der bis dahin singulären Erfolgsgeschichte des reinen Onlinehandels die Geschichte eines Onlinehandels von zwei Geschwindigkeiten.

Ganz überraschend kam das nicht – schon ein Jahr zuvor hatte ich im bevh-Blog analysiert, wie sich seit 2007 vor allem ein Anbieter in unserer Umfrage von allen anderen abgekoppelt hatte. Lautete damals die Frage noch: Gibt es ein Leben nach Amazon?, forderten wir schon 2014 eine Strategie, die nicht „ohne“ oder „gegen“, sondern in Kombination oder meinethalben „Coopetition“ mit Deutschlands größtem Online-Marketplace funktionieren sollte.

Die 2014 massiv in Frage gestellte Zahl gilt mittlerweile als „common sense“: Online-Marktplätze sind die beherrschende Kraft im E-Commerce. Und es gibt starke, logisch nachvollziehbare Gründe, sie wahlweise als Sonne oder als schwarzes Loch zu betrachten, in deren Gravitationsfeld am Ende der größte Teil des unabhängigen Onlinehandels hineinstürzen oder verglühen würde.

Nur: Unsere Zahlen geben für diese Dystopie keinen Anlass.

In der folgenden Tabelle habe ich im Fünfjahresvergleich neben einander gestellt, in wieviel Prozent der Interviews ein Marktplatz (OMP) oder ein Multichannel-Anbieter (MCV) als Ort des letzten Online-Einkaufs genannt wird.

 

 

 

2013

2017

2013

2017

 

MCV

OMP

Bekleidung

61,9

54,6

22,9

42,6

Schuhe

28,8

10,2

31,6

78,7

Bücher

12,4

8,8

78,2

79,7

Musik

4,5

21,3

90

70

Unterhaltungselektronik

9,2

16,9

77,6

66,7

Computer

8,2

22,3

68,6

67,8

Möbel/Lampen/Deko

43

28,8

47,3

67

Spielwaren

11,6

20,3

79,4

72,6

Bürobedarf

8,9

14,9

66,2

74,1

Tierbedarf

30,9

40,9

37,4

24,8

Lebensmittel

22,9

20,4

32,9

49,4

 

Die Tabelle sagt nichts über die Umsätze aus. Wenn sich das Gesamtvolumen in einer Sortimentskategorie deutlich positiv entwickelt hat, kann trotz des prozentualen Rückgangs an Käufen dennoch ein Wachstum resultieren. Außerdem unterscheiden sich die Bestellfrequenz und die Bestellsummen zwischen den verschiedenen Händlertypen. Nach wie vor haben beispielsweise die Onlinehändler mit Herkunft aus dem Kataloggeschäft einen höheren Durchschnittsbon, aber mit gut 30 Prozent auch einen signifikant höheren Anteil von Kunden, die nur einmal pro Quartal oder seltener bestellen. Heißt also: Die Marktplätze erzeugen mehr Sendungen mit weniger Umsatz, und das bei einem zwischen 2013 und 2017 um fast 14 Mrd. Euro von 48,3 auf 62,2 Mrd. Euro gestiegenen Gesamtvolumen der E-Commerce-Branche. Relativ ist ihr Anteil am Onlinehandels-Volumen zwar zurückgegangen, absolut aber haben sie bei den Sendungsmengen und im Umsatz zugelegt.

Und während sich die Umsätze der Multichannel-Händler auf eine immer größere Zahl von Unternehmen verteilen und speziell der unabhängig agierende Mittelstand an Sichtbarkeit verliert, konzentrieren sich die Pakete der Marketplaces aufgrund der Fulfillment-Vereinbarungen zum immer stärkeren Teil auf ein Unternehmen. Diese Umschichtung kann die enorme Zunahme der Ausgangsmengen dort mit erklären.

Doch am Ende bleibt eine Erkenntnis: Wenn man die Kunden fragt, ist bis heute zumindest von einem „Winner takes it all“-Szenario nicht zu reden. Fünf Jahre später kann man sagen: Es gibt nicht nur ein Leben nach Amazon, es gibt auch ein Leben mit Amazon.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die steigenden Umsätze von Multichannel-Anbietern häufig per Saldo einen Rückgang der Offline-Umsätze nicht überkompensieren können. Immer mehr unabhängige Händler, online wie im Mehrkanal-Vertrieb, möchten ein Stück vom Kuchen abhaben. Konsolidierung steht weiter an, und ein zyklischer Abschwung würde den schlechter kapitalisierten Unternehmen den Boden unter den Füßen wegziehen. Schon jetzt ist es für viele nicht mehr sinnvoll, sich mit eigenem Shop allein oder überhaupt in das Abenteuer E-Commerce zu stürzen. Daher werden Plattformen in den kommenden Jahren für viele Händler zur „conditio sine qua non“ werden.