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Ausweispflicht für Derivatehandel im Risikomanagement

verfasst von Sandra Wagner, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit GS1, am 13.11.2017

Es war ein Tag, der eine Zeitenwende markierte: Am 15. September 2008 kündigte Lehman Brothers einen Insolvenzantrag an. Die Pleite der US-Investmentbank löste eine ungeahnte Kettenreaktion an den Finanzmärkten aus. Rund um den Globus sahen sich Regierungen gezwungen, strauchelnde Banken zu retten. Eine Ursache der Krise: fehlende Transparenz am Markt für bilateral vereinbarte Derivate (Over-the-Counter-Derivate, kurz OTC). Es handelt sich hierbei um einen Markt, dessen Volumen dem Mehrfachen des weltweiten Bruttoinlandsprodukts entspricht. Als es darauf ankam, konnten die Beteiligten ihre verzweigten Finanzgeschäfte nicht entwirren. Es fehlte eine internationale Sprache in Form eines Standards, der eine Zuordnung der – vielfach grenzüberschreitenden – Transaktionen effizient ermöglicht.

Acht Wochen später verständigten sich die führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) darauf, in den kommenden Jahren sukzessive für mehr Transparenz und Sicherheit an den Märkten zu sorgen. Ihr Motto: „Kein Finanzprodukt, kein Finanzmarktakteur und kein Finanzplatz soll unbeaufsichtigt bleiben.“ 2018 ist es soweit: die neue EU-Richtlinie MiFID-II im Rahmen der MiFIR-Verordnung der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) tritt in Kraft.  Ab dem 3. Januar müssen alle Banken die Transaktion von Wertpapiergeschäften an die BaFin melden. Eine entscheidende Rolle dabei spielt der Legal Entity Identifier (LEI), ein neuer Standard, um Marktteilnehmer und Geschäftspartner weltweit eindeutig zu identifizieren. Unternehmen, die ab Januar ihre Risiken weiterhin mittels Währungs- oder Rohstoffderivaten managen wollen, müssen sich ab dem 3.1.2018 mit einem LEI ausweisen können.

Die Richtlinien stellen in vielen Punkten eine fundamentale Änderung des Wertpapiergeschäftes dar. Denn obwohl sie vornehmlich an die direkten Marktteilnehmer wie Kreditinstitute und Wertpapierdienstleistungsunternehmen gerichtet sind, werden auch die Kunden, die in Wertpapiere und Beteiligungen investieren, die Veränderungen zu spüren bekommen. Denn den LEI müssen die Unternehmen ihrem jeweiligen Wertpapierpartner, also zum Beispiel ihrer Bank oder ihrem Vermögensverwalter, nachweisen. Ab nächstes Jahr dürfen diese keine Geschäfte mehr mit außerbörslichen Wertpapieren oder Derivaten mit den Kunden tätigen, wenn sich der Kunde nicht mittels LEI exakt identifizieren lässt.

Was ist der LEI?

Der LEI ist ein zwanzigstelliger Code, der mit wesentlichen Referenzdaten für eine klare und eindeutige Identifikation verknüpft ist. Das sind beispielsweise Register-Name und Register-Nummer, Rechtsform des Unternehmens, juristischer Sitz der Hauptverwaltung oder des Fondsmanagers. Der LEI basiert auf der ISO-Norm 17442 und wird bei einer sogenannten Local Operating Unit, kurz LOU, beantragt. Die LOU ist eine Vergabestelle, die von der Global LEI Foundation (GLEIF) autorisiert wird.

Struktur des Legal Entity Identifier (LEI)

Der Code identifiziert Teilnehmer am Finanzmarkt (z. B. juristische Personen, Fonds) eindeutig. Der Aufbau erfolgt nach einem ISO-Standard. Der LEI ist verpflichtend. Gespeichert werden: offizieller Name, Register-Name, Rechtsform, Sitz, Ländercode, Datum der Erstvergabe, Datum der letzten Änderung, Fälligkeit der LEI-Verlängerung.

Zum Hintergrund der Vergabe und Vergabestellen

Der LEI soll ein öffentliches Gut sein, dem keine privaten Eigentums- oder Lizenzrechte entgegenstehen. Aufgrund europäischer Vorgaben ist der LEI zukünftig auch gegenüber der Aufsicht zu verwenden. Die GLEIF stellt mit dem Global LEI Index die einzige globale Online-Quelle für offene, standardisierte und hochwertige Rechtsträger-Referenzdaten zur Verfügung. Die Vorteile, die der Global LEI Index bietet, werden Datenanbietern und ihren Kunden sowie der Geschäftswelt allgemein dazu verhelfen, Kosten zu senken, Geschäftsvorgänge zu vereinfachen und zu beschleunigen sowie tieferen Einblick in den globalen Markt zu gewinnen. GS1 Germany hat nicht nur 40 Jahre Erfahrung mit Identifikationsstandards, sondern ist in der Finanzbranche ein anerkannter Partner. Die Nummer der Versandeinheit (NVE) im Barcode GS1-128 macht Bargeld-Versandtaschen, sogenannte Safebags, lückenlos verfolgbar. Und mit CashEDI hat die Bundesbank wegweisende GS1 Standards in der Bargeldlogistik umgesetzt. Hinzu kommt die umfassende Expertise bei Standards für Handels- und Industrieunternehmen – die sogenannte „reale Wirtschaft“. Als Local Operating Unit (LOU) kann GS1 Germany alle relevanten Identifikationsnummern aus einer Hand anbieten.

GS1 Germany hat den LEI 967600100PAMYB9QBQ02.

www.lei.direct

Königsdisziplin E-Rechnung

geschrieben von Jana Franke am 17.08.2017

Das Non-Plus-Ultra innerhalb des elektronischen Austausches von verschiedenen Geschäftsunterlagen stellt gerade die elektronische Rechnung dar. Bei dieser müssen noch umfangreichere sowie gesetzliche Anforderungen erfüllt werden, als bei seinem Pendant in Papierform.

Bei der Aufbewahrung von Rechnungen ist zwischen Belegen in Papierform und elektronischen Belegen zu unterscheiden. Es gilt der Grundsatz, dass alle Belege zunächst in der Form aufzubewahren sind, in der diese zugegangen oder erstellt wurden. Sowohl bei Papier- als auch bei elektronischen Rechnungen müssen nach § 14 Abs. 1 UStG die Echtheit der Herkunft, die Unversehrtheit des Inhalts und die Lesbarkeit der Rechnung gewährleistet werden. Wenn papierbasierte Originale durch elektronische Rechnungen abgelöst werden, ist es von entscheidender Bedeutung, weiterhin steuerkonform zu bleiben. E-Rechnungen sind, wie auch Papierrechnungen, grundsätzlich 10 Jahre ab Ablauf des Geschäftsjahres der Rechnungsausstellung aufzubewahren.

Bisher wurden auf elektronischem Weg übermittelte Rechnungen umsatzsteuerlich nur anerkannt, wenn eine qualifizierte elektronische Signatur oder ein EDI-Verfahren verwendet wurden (Electronic Data Interchange, elektronischer Datenaustausch). Die Anforderungen an die Übermittlung elektronischer Rechnungen sind gegenüber der bisherigen Rechtslage deutlich reduziert worden. Nunmehr können unter anderem auch Rechnungen, die per E-Mail übermittelt werden, zum Vorsteuerabzug berechtigen.

Elektronische Belege, wie Rechnungen oder jüngst auch Kontoauszüge, sind zwingend elektronisch aufzubewahren. Dies gilt auch für E-Mails, sofern diese Informationen enthalten (beispielsweise als elektronischer Handelsbrief). Reine Transport-E-Mails ohne Informationen (wenn die E-Mail lediglich den Briefumschlag ersetzt) brauchen nicht gespeichert werden. Werden Papierbelege elektronisch verarbeitet, sind diese zwingend elektronisch aufzubewahren. Bestimmte Dokumente, wie zum Beispiel Zollpapiere mit fluoreszierendem Original-Stempel, sind jedoch weiterhin in Papierform zu archivieren.

Durch die Umstellung auf den elektronischen Rechnungsverkehr (E-Rechnung, E-Invoicing) können sowohl auf Seiten des Rechnungsversenders, als auch des Empfängers Kosten gesenkt und Effizienzgewinne entlang des Rechnungsprozesses generiert werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Verwaltungsvereinfachung, Bürokratieabbau, bessere Datenqualität, schnellere Abwicklung der Zahlungen sowie Förderung der ökologischen Nachhaltigkeit.

Ein wichtiger Schritt zu einer flächendeckenden Implementierung der E-Rechnung ist das am 13. Juli 2017 vom Bundeskabinett verabschiedete E-Rechnungs-Gesetz der Bundesregierung. Das Gesetz über die elektronische Rechnungsstellung im öffentlichen Auftragswesen zielt darauf, die Rechnungsstellung an Behörden und Einrichtungen der Bundesverwaltung durch private Unternehmen in elektronischer Form zu ermöglichen. Unter Zugzwang sind zunächst die Bundesministerien und die Verfassungsorgane (ab dem 27. November 2018) und ein Jahr später, also ab dem 27. November 2019, auch die übrigen öffentlichen Auftraggeber. Diese dürfen von da an – abgesehen von definierten Ausnahmefällen – keine Papierrechnungen mehr annehmen. Für die private Wirtschaft stellt sich nicht die Frage ob, sondern wie und bis wann man auf den elektronischen Rechnungsaustausch umstellen sollte.

Eine elektronische Rechnung im Sinne der Richtlinie 2014/55/EU des Europäischen Parlaments vom 16. April 2014 ist eine Rechnung, die in einem strukturierten Datensatz erstellt, übermittelt und empfangen wird, sodass ihre automatisierte und elektronische Verarbeitung ohne Medienbruch möglich ist. Bilddateien, eingescannte Papierrechnungen oder reine PDF stellen somit keine elektronische Rechnung im Sinne der Richtlinie dar. Die EU-Kommission hat die zuständige Europäische Normungsorganisation CEN mit der Erarbeitung einer europäischen Norm für die Elektronische Rechnung beauftragt. Im Sinne dieser Norm wurde von der öffentlichen Verwaltung ein nationaler Verwaltungsstandard XRechnung zur einheitlichen Umsetzung der Anforderungen definiert, welcher seinerzeit auf den in der Wirtschaft bereits genutzten ZUGFeRD verweist. Eine Rechnung ist konform zum Standard XRechnung, wenn sie in Form eines XML Dokumentes ausgestellt, übermittelt und empfangen wird. Dieses Format bietet gegenüber dem ZUGFeRD aber deutlich eingeschränkte Möglichkeiten. ZUGFeRD ist nämlich ein hybrides Format, welches sowohl den strukturierten Rechnungsdatensatz im XML-Format als auch ein menschenlesbares PDF-Abbild der Rechnung enthält. Anwender sollen die Rechnung ohne aufwendige Hilfsmittel oder Darstellungswerkzeuge lesen können. Durch die Einbettung der XML, in die PDF-Datei, ist eine eindeutige Zuordnung zwischen Abbild und Daten sichergestellt. Der Empfänger einer Rechnung im ZUGFeRD-Format entscheidet selbst: Er kann die Rechnung als PDF lesen oder die Rechnungsdaten aus der beiliegenden XML-Datei maschinell einlesen und verarbeiten. Es bleibt also abzuwarten, ob die Verwaltung auch hybride Rechnungen akzeptieren wird, deren XML-Teil alleine akzeptiert werden würde. Anderenfalls kann es noch interessant werden, wenn die öffentliche Verwaltung auch an Unternehmen und Bürger elektronische Rechnungen für Ihre Gebühren und Dienstleistungen ausstellen wird.

Wie E-Commerce-Händler Werte treiben

von Martin Groß-Albenhausen, 16. Juni 2017

Die Ausbildung zur Kauffrau oder zum Kaufmann im Unternehmen ist nur die eine Hälfte des Dualen Ausbildungssystems. In den Berufsschulen werden die nicht betriebsspezifischen Kompetenzen vermittelt. Ein wichtiger Aspekt im neuen Ausbildungsberuf der „E-Commerce Kaufleute“ spielt dabei auch die Kaufmännische Steuerung und Kontrolle.

An sich ein Thema, das sich in allen kaufmännischen Ausbildungsberufen wiederfindet. Was aber sind die Spezifika im E-Commerce?

Eine Betrachtung nur der betrieblichen bilanziellen Kennzahlen würde zu kurz greifen. Sicher ist es für Azubis wichtig, die Kosten- und Leistungsrechnung zu kennen. Die Lernfelder 6 („Werteströme erfassen und beurteilen“) und 9-11 („Liquidität sichern und Finanzierung vorbereiten“; „Wertschöpfungsprozesse erfolgsorientiert steuern“; „Geschäftsprozese darstellen und optimieren“) in der Ausbildung der Kaufleute für Büromanagement zeigen, wie tief die finanziell beschreibende Sicht gehen kann.

Häufig liegt in klassischen Betrieben das Problem darin, die wichtigen Zahlen überhaupt erst einmal zu ermitteln. Im E-Commerce ist es das Gegenteil – hier hat man ein Überangebot an Zahlen, aus denen die E-Commerce-Kaufleute überhaupt erst einmal die KPIs ermitteln müssen, mit denen sich die Werttreiber des Unternehmens steuern lassen.

Dass dies nicht nur für Auszubildende eine Herausforderung ist, sondern auch eine Chance für das gesamte Unternehmen darstellt, zeigte das Seminar „Controlling: Reporting und Steuerung im Onlinehandel“, das kürzlich gemeinsam von KPMG und bevh im Rahmen der bevh-Academy veranstaltet wurde. Nur wenige Unternehmen nutzen bis heute treiberbasierte Steuerungsmodelle. Dabei sind gerade diese in der Lage, differenzierende Geschäftsmodelle in Zahlen abzubilden und zu steuern. Die Werttreiber in einem beratungsorientierten vs. einem preisorientierten vs. einem Club-Geschäftsmodell unterscheiden sich sowohl absolut als auch in der Abhängigkeit voneinander. Am Ende führen Sie zwar immer auf Finanzkennzahlen wie Umsatzerlöse, Umsatzkosten oder Marketingkosten und auf aggregierende Steuerungszahlen wie ROAS, ROCE oder auch einfach EBIT zurück. Aber die Hebel und Gewichte wirken unterschiedlich.

  • Treiberbasierte Steuerungsmodelle bilden die Basis, um zeitgerecht auf Marktveränderungen reagieren zu können. (c) 2017, KPMG

Das setzt bei E-Commerce-Kaufleuten ein Verständnis für die Prozesse und Kennzahlen auf der Mikroebene (z.B. Marketing, Logistik) voraus. Nicht zuletzt deshalb, weil eine Veränderung im Detail enorme Skaleneffekte nach sich zieht – im Positiven wie im Negativen.

Damit zusammen hängt eine weitere Unterscheidung von E-Commerce zu anderen Handelsformen: Klassische Planungsmodelle und –zyklen reichen nicht aus. Das Forecasting hat eine wesentlich höhere Bedeutung, funktioniert besonders gut in „agilen“ Umfeldern, verlangt aber eine Reduktion der reporteten Kennzahlen. „Better done than perfect“, Controlling-Style.

Dieses moderne Verständnis, das auf digitale Wertschöpfungsmodelle ausgerichtet ist, führen wir mit dem E-Commerce-Kaufmann in die berufliche Bildung ein. Das Gremium der Berufsschullehrer, die den Rahmenlehrplan definieren, ist dafür sehr aufgeschlossen: Sie suchen gezielt den Kontakt mit den Fachexperten in den Betrieben, um die Lernfelder maximal auf die Anforderungen im E-Commerce-Umfeld auszurichten. Häufig wird kritisiert, dass die Inhalte in den Berufsschulen weit entfernt sind von der modernen Arbeitsumgebung. Dies wird sich durch die häufig webbasierten Tools des E-Commerce vermeiden lassen. Und: auch die Notwendigkeit, gerade in diesem Beruf in kurzen Zyklen das (Ausbilder-)Wissen aufzufrischen, ist bei den Schulen inzwischen erkannt und akzeptiert.

Der neue Beruf ist auf der Zielgeraden.

Übrigens: Wenn Sie sich für Bewertung von Unternehmen, Marken und Geschäfsmodellen interessieren, führen wir wiederum gemeinsam mit der KPMG am 4. Juli ein weiteres Fachseminar für unsere Mitglieder durch. Bei Interesse melden Sie sich direkt bei Jana Franke im bevh.

EBA, RTS, SCA, RBA – WTF? Oder: Wie die Europäische Bankenaufsicht beim Thema Sicherheit den Verbraucher aus den Augen verliert

Gedanken zur Zukunft des Payment von Sebastian Schulz

Neben der Schaffung einer europaweit einheitlichen Rechtsgrundlage für Online-Zahlungen und der Gewähr des Zugangs für Zahlungsdienstleistungen Dritter soll die im Januar 2016 in Kraft getretene PSD2 vor allem für eines sorgen: Mehr Sicherheit im Online-Payment. Elektronisch angebotene Zahlungsdienste sollen sicher abgewickelt werden, „wobei Technologien einzusetzen sind, die eine sichere Authentifizierung des Nutzers gewährleisten und das Betrugsrisiko möglichst weitgehend einschränken können.“ Jedenfalls bei den in der Praxis relevanten Vorgängen, etwa dem Zugriff auf ein Zahlungskonto oder der Auslösung eines elektronischen Zahlungsvorgangs, versteht der Richtliniengeber unter einer „sicheren“ stets eine „starke“ Kundenauthentifizierung“ (Stichwort: „2 aus 3“). Technische Regulierungsstandards (RTS) zum Leitbild der starken Kundenauthentifizierung (SCA) sollen gemäß Artikel 98 der Richtlinie durch die Europäische Bankenaufsicht (EBA) erarbeitet werden. Im Rahmen dieses delegierten Rechtsaktes sind sowohl die „Erfordernisse des Verfahrens zur starken Kundenauthentifizierung“ als auch „Ausnahmen von der Anwendung“ festzulegen. Wohlgemerkt; das Mandat der EBA erstreckt sich ausdrücklich auch auf die Definition solcher Szenarien, in denen abweichend vom Grundsatz eine starke Kundenauthentifizierung gerade nicht erforderlich ist.

Vor diesem Hintergrund kommt das durch die EBA im August 2016 vorgelegte Consultation Paper – vorsichtig ausgedrückt – etwas eingleisig daher. Anders als durch die PSD2 vorgegeben, finden sich darin ausschließlich Vorgaben zur Implementierung und Umsetzung einer SCA, nicht aber Ausführungen zu Ausnahmen vom Grundsatz (von der Ausnahme für Kleinstbeträge einmal abgesehen). Würden die Vorschläge der Londoner Beamten am Ende tatsächlich Gesetz, bedeutete dies damit nichts Anderes als eine Zäsur im Paymentsektor. Dynamische („targeted“) Authentifizierungsverfahren, orientiert am tatsächlichen Transaktionsrisiko, gehörten der Vergangenheit an. Die Komplexität eines jeden Bezahlprozesses würde signifikant erhöht. Aus Angemessenheit würde Regelversessenheit.

Um zu verstehen, welchen massiven Impact derartige Pläne auf den E-Commerce hätten, muss man sich nur die Relevanz des Themas „Payment“ im Onlinehandel im Allgemeinen vor Augen führen.

Die klassische Handelslehre unterscheidet zwischen drei „Strömen“ im Handel: Dem Informationsstrom, dem Warenstrom und dem Strom der Nominalgüter – dem Geldfluss. „Kassieren“ ist eine Kernkompetenz, wie man an der deutlichen Gewichtung in der Ausbildung der Verkäufer und Kaufleute im Einzelhandel erkennen kann. Auch im E-Commerce gibt es die „Kassenzone“, den Checkout, als wichtigen Bestandteil im Kaufprozess. Im Checkout bleiben viele Warenkörbe stecken. Warum? Der Kunde hat Bedenken. Bedenken über den Preis – denn den Gesamtpreis sieht er hier schon bevor die imaginäre Kassiererin die einzelnen Produkte abgescannt hat. Bedenken wegen des Aufwands, eine Vielzahl von Informationen ein- und von sich Preis geben zu müssen. Und – es geht ums Geld! – freilich auch Bedenken wegen der (Daten-)Sicherheit.

Sicherheit ist dabei aber längst nicht allein ein Bedürfnis auf Kundenseite. Das Anbieten sicherer Zahlungsmethoden ist eine von drei zentralen Herausforderungen, denen sich Onlinehändler tagtäglich stellen müssen. Zum einen besteht die Aufgabe darin, die Zahlung so einfach wie möglich zu machen. Jeder Zwischenschritt an der virtuellen Kasse erhöht nachweislich die Wahrscheinlichkeit, dass der Kunde den Einkauf abbricht. Andererseits muss der Händler aus ureigenen Interessen heraus Zahlverfahren anbieten, die das Risiko des eigenen Zahlungsausfalls minimieren. Neue Dienstleister wie optile.net fungieren hier als intelligente Aggregatoren, die bei jedem einzelnen Kauf aufgrund des Kundenverhaltens und des Warenkorbes passende Zahlverfahren sogar von unterschiedlichen Payment-Dienstleistern vorschlagen. Das Thema Zahlungssicherheit ist Nummer Drei. Unternehmen, die wiederholt Datenklau, Betrug oder Identitätsmissbrauch Tür und Tor öffnen, sind weg vom Fenster. All das unterstreicht: Beim Payment muss der Onlinehändler akribisch arbeiten. Schon eine Umstellung der Reihenfolge von Abfragen im Checkout-Prozess kann zu einer Verbesserung der Conversion oder umgekehrt zum Abschmelzen wertvoller Marktanteile führen.

Studien belegen, was aus Einzelbeispielen lange bekannt ist: Der Kunde belohnt Händler, die ihm das Einkaufen auf jeglichem Kanal so einfach wie möglich machen. Ein bekanntes Modeunternehmen hat in einem Test festgestellt, dass das Angebot nur eines weiteren digitalen Bezahlverfahrens die Zahl der Conversions im Checkout signifikant erhöht hat und in kürzester Zeit bei fast jedem dritten Kauf eingesetzt wurde. Eine Analyse zeigte, dass der Checkout-Prozess sich für den Kunden von über zwei Minuten auf lediglich 30 Sekunden verkürzte. Zeit ist Geld, auch und gerade im E-Commerce.

Umgekehrt haben die Händler mit dem 3D-Secure-Verfahren faktisch ohne Ausnahme überaus negative Erfahrungen gemacht. Die Umleitung auf eine externe Seite mit separater Verifikation über ein weiteres Passwort erhöhte die Kaufabbrüche deutlich. Seit der Einführung 2009 hat sich die negative Auswirkung zwar durch Verfahrensänderungen abmildern lassen. Dennoch haben in der gleichen Zeit die „einfachen sicheren“ Zahlverfahren so deutlich zugelegt, dass im Jahr 2016 erstmals im E-Commerce die Online-Lastschrift sogar den Rechnungskauf überholte und mit 30 Prozent die am häufigsten genutzte Zahlweise war. Während im gleichen Zeitraum nach Erhebung des bevh der Kauf per Kreditkarte von 17 auf 15 % zurückfiel, erhöhte sich der Anteil der digitalen Zahlverfahren von 19 auf 22 %.

Nun mag man einwenden, die hier aufgezeigten wirtschaftlichen Implikationen müssten angesichts des übergeordneten Ziels eines Mehr an Rechtssicherheit zurückstehen. Und noch einmal: Die Bedeutung von größtmöglicher Sicherheit bei Zahlungsvorgängen steht außer Frage. Eine obligatorische starke Kundenauthentifizierung mag auch grundsätzlich als geeignet erscheinen, dieses Ziel zu erreichen. Rechtliche Vorgaben müssen jedoch nicht nur geeignet, sondern vielmehr auch verhältnismäßig sein. Eine Übergewichtung des einen Ziels zulasten anderer, im Zweifel auch kollidierender Ziele, ist zu vermeiden. An dieser Stelle bleiben sowohl EU-Kommission als auch EBA bereits den Nachweis schuldig, dass überhaupt ein vom geltenden Recht abweichendes Regelungsbedürfnis besteht. Freilich verwundert das am Ende nicht, bleibt doch die viel bemühte Fraud-Rate im Verhältnis zu den exponentiell anwachsenden Transaktionsvolumen im E-Commerce vergleichsweise gering. Die Kriterien der durch die EBA (zwingend!) vorzunehmenden Verhältnismäßigkeitsprüfung werden durch die PSD2 übrigens sogar detailliert vorgegeben. So heißt es beispielsweise in den Absätzen 2 und 3 von Artikel 98, dass „benutzerfreundliche, allgemein zugängliche und innovative Zahlungsmittel“ ermöglicht bleiben sollen. Ausnahmen vom Grundsatz einer SCA sollen sich an dem mit der Dienstleistung verbundenen Risikoniveau orientieren. Welcher Raum für Innovationen bleibt aber bei einer sakrosankten Fokussierung auf SCA?

Festzuhalten bleibt: Mit den bislang bekannt gewordenen Vorschlägen für Regulatory Technical Standards und der Abwesenheit von Ausnahmen vom Grundsatz der starken Kundenauthentifizierung verkompliziert die EBA Bezahlverfahren in einer für den E-Commerce inakzeptablen Weise. Mögen einzelne PSPs den gemachten Vorschlägen Positives abgewinnen, im Interesse der Verbraucherinnen und Verbraucher sind diese nicht. Vorzugswürdig ist und bleibt ein risikobasierter Ansatz, im Rahmen dessen Handel und PSP auf Erfahrungswerte und Algorithmen gestützte Sicherheitsabwägungen treffen und so dem Kunden, d.h. uns allen, weiterhin ein gleichermaßen sicheres wie „convenientes“ Einkaufserlebnis ermöglichen können. Dass sich, wie die SZ vergangene Woche bereits wusste, die EBA in den überarbeiteten RTS zumindest für eine signifikante Heraufsetzung der Schwellenwerte (>500 EUR), ab denen eine SCA vorgenommen werden muss, ausgesprochen hat, ist ein positives Signal. Richtig und besser wäre es freilich, wenn die EBA das bestehende System einer risikoorientierten Prüfung vollständig beibehalten und sich stattdessen den sicher drängenderen finanzpolitischen Fragen dieser Zeit widmen würde. Die Vorlage der finalen RTS der EBA sind für diese Woche angekündigt. Es bleibt spannend.

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Jahresbericht 2017


                                 

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