10.10.2017
12:51

Vom Kopf auf die Füße: Wozu braucht man eigentlich den Bachelor im E-Commerce? - Teil 1

verfasst von Martin Groß-Albenhausen am 10.10.2017

Dass es wenige oder auch zu wenige Fachkräfte für digitale Transformation gibt, dürfte unbestritten sein. Sonst würden nicht mehr und mehr Unternehmen ihre entsprechenden Abteilungen in die Metropolen auslagern, die über eine hohe Dichte von Startups und erfolgreichen Unternehmen in E-Commerce oder Onlinemarketing verfügen.

Aber auch dann stellt sich die Frage, was eigentlich gut qualifizierte Digital-Fachkräfte ausmacht? Einfach deshalb, weil die Unternehmen rekrutieren wollen. Nur: welche Qualifizierung ist die Richtige? Und ganz formell: Welchen Abschluss sollte ich erwarten?

Fragt man gute Personalberater, dann sagen sie, dass es nicht auf den akademischen Abschluss ankommt. In unserer Branche kann jemand mit 3 Jahren einschlägiger Erfahrung ohne Hochschulabschluss locker die Absolventen ausstechen. Generation Praktikum lernt außerhalb der Uni und nach dem Studium erst, was die digitale Wirtschaft braucht.

Dieses Anwendungswissen kann man künftig auch in der ab 2018 beginnenden Ausbildung „Kaufleute im E-Commerce“ lernen. Stellt sich also die Frage, was genau ein Unternehmen erwartet, wenn es in seinem E-Commerce-Team einen Bachelor oder Master rekrutieren möchte. Sind es die fachlich-digitalen Qualifikationen? Dann wird die Auswahl sehr gering ausfallen.

Der bevh erarbeitet in Verbindung mit seinem Roundtable „Forschung und Lehre“ derzeit den „Hochschulatlas E-Commerce“. Dieser bietet eine quantitative und qualitative Darstellung von Bachelor- und Master-Studiengängen und M.B.A.s, die sich mit E-Commerce beschäftigen. Von den über 18.400 Studiengängen, die man an deutschen Fachhochschulen und Universitäten einschlagen kann, befassen sich nach unserer Recherche 99 (in Worten: neunundneunzig) überhaupt in einer wie auch immer geringen Weise mit dem Onlinehandel und mit den digitalen Geschäftsmodellen. Das sind 0,5 Prozent aller Studiengänge.

Das ist natürlich nicht fair. Man sollte sich auf die Studiengänge beschränken, die wirtschaftswissenschaftlich oder ggf. technisch orientiert sind. Legt man alle Wiwi-Studiengänge zugrunde, haben weniger als 5 Prozent Module, die sich direkt mit Belangen der digitalen Ökonomie beschäftigen. In den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gab es im Wintersemester 2015/16 über alle Semester zusammengerechnet knapp 838.000 Studierende. Die Hochschulrektorenkonferenz stellt leider keine feinere Aufgliederung zur Verfügung. Den Studienabschluss erreichten in den WiReSo-Studiengängen im Prüfungsjahr 150.000 Studenten.

Theoretisch könnte die deutsche Wirtschaft sich also auf rund 3150 Bachelor und Master mit etwas digitalem Background freuen. Sofern diese denn überhaupt die häufig als Wahlpflicht deklarierten Module gebucht haben. Im Mittel liegt der Anteil von digitalen Modulen an diesen rund 100 Studiengängen übrigens bei knapp einem Drittel der zu erwerbenden Credit-Points.

Ich höre hier mit der Statistik auf. Klar ist, dass die Bildung in Deutschland nicht nur ein bisschen, sondern gewaltigen Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung hat.

Aber vielleicht ist die Frage ja falsch gestellt. Vielleicht sind es ja gerade nicht die anwendungsorientierten Inhalte, die man sich mit einem Bachelor oder Master ins Haus holen sollte. Was kann ein Bachelor oder Fachwirt (DQR-Niveau 6), das ein E-Commerce-Kaufmann nicht genau so könnte?

Ich gehe davon aus, dass kaum jemand sich mit den Niveaus des Deutschen Qualifikationsrahmens auseinandergesetzt hat. Zu Unrecht, denn diese sind alles andere als akademisch – sie schreiben klar vor, was jemand mit einem entsprechenden Abschluss auf Niveau 1-8 jeweils an Fertigkeiten und Kompetenzen erworben haben sollte.

Wir haben für den Hochschulatlas die Definitionen der DQR-Niveaus 4-7 analysiert. Wenn Sie einen E-Commerce-Kaufmann einstellen, erhalten Sie eine Fachkraft, die selbständig die täglichen Aufgaben im E-Commerce umsetzten kann. Nicht mehr und nicht weniger, aber mal ehrlich: wie viel mehr machen in vielen Fällen heute die Bachelor dauerhaft oder zumindest über einen langen Zeitraum nach der Einarbeitung?

DQR-Niveau 6 qualifiziert die Absolventen für Führungsaufgaben im Team. Idealerweise würde so ein Bachelor an der Hochschule hartes Praxiswissen erwerben und zusätzlich die Skills, die für Team- und Bereichsleitungen notwendig sind. Mit anderen Worten: er muss fachlich so fit sein, dass er seinen konkreten Aufgabenbereich im E-Commerce sofort weiterentwickeln kann. Er muss also mindestens das Wissen der Kaufleute haben oder es sich in dramatisch kürzerer Zeit auf ein mindestens vergleichbares Niveau bringen. Und persönlich Leadership-Skills beweisen. Wenn das so ist: Was sind dann die für unsere Branche relevanten Inhalte von E-Commerce-Modulen auf Bachelor-Niveau? Reichen sie auch nur entfernt hin, um die höheren „Einkaufspreise“ für Bachelor vs. Kaufleute zu rechtfertigen?

Erst recht der Master (DQR 7): Er ist die Person, die fachlich so fit und firm ist, dass sie unvorhersehbare Veränderungen dadurch meistert, dass sie Lösungen für neue und komplexe Aufgabenstellungen findet und durchsetzt. Master of Disruption, wenn es denn für so etwas einen Studiengang gäbe.

Mit dem E-Commerce-Kaufmann, den wir seit 2012 vorbereitet und in den vergangenen 18 Monaten in einer breiten Verbändeallianz geschaffen haben, konnten wir die Basis der Pyramide definieren. Wie man im Bundesministerium für Bildung und Forschung sagt: Der erste Beruf speziell für die digital Economy.

Mit dem Hochschulatlas E-Commerce entsteht ein Kompass, um auf diesen breiten Sockel die jeweils schmaleren Schichten von Führungskräften und C-Level-Nachwuchs zu qualifizieren oder zu rekrutieren. Und für die Hochschulen die Chance, sich durch eine robuste Antwort auf die dramatisch wachsende Nachfrage nach digitaler Exzellenz zu positionieren.

Der Hochschulatlas wird im kommenden Jahr kostenlos als Online-Tool zur Verfügung gestellt. Wir laden Hochschulen ein, uns ihre laufenden oder geplanten Studiengänge inklusive Modulhandbüchern zur Verfügung zu stellen, um ein vollständiges Abbild der höheren E-Commerce-Qualifikation zu ermöglichen.

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