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„Unternehmer“ kann man lernen

02062016

„Unternehmer“ kann man lernen

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verfasst von Martin Groß-Albenhausen

Wenn Alexander Graf und Florian Heinemann sich über den Status Quo der Online-Geschäftsmodelle austauschen, sind das Highlights und Pflichtlektüren (bzw. Podcasts) für alle Onlineunternehmer. Vergangene Woche sagte Florian Heinemann (ca. bei Minute 2:40), dass E-Commerce-Wissen nicht „explizit“ sei, dass man es nicht einfach an der Universität lernen könne. Sondern nur durch verschiedenste Projekte digitale Kompetenz entstehe, die letztlich den Wettbewerbsvorsprung von Company Buildern wie Project A, Rocket Internet etc. ausmache.

Ganz ähnlich hat kürzlich Prof. Dr. Christoph Hienerth von der WHU Vallendar dem RedHerring gegenüber die große Herausforderung im Hinblick auf Ausbildungsinhalte beschrieben. „Alle paar Monate gibt es neue Dinge, so dass wir vorsichtig sein müssen, was wir den Studenten zeigen. Du kannst ihnen einfach nichts erzählen, was fünf Jahre alt ist.“ Das Curriculum als Loseblattwerk, Lehrbücher als ewiges Beta.
Nun ist die WHU Vallendar nicht irgendeine Hochschule, sondern die Institution, die etliche der in Deutschland erfolgreichsten digitalen Unternehmern hervorgebracht hat. Die Hochschullehrer haben dort keinen Beamtenstatus und müssen sich jedes Jahr gegenüber den „Kunden“ neu beweisen. Schließlich kostet diese das Masterstudium rd. 40.000 Euro.

Doch so eng jeder Prof der technischen Entwicklung folgt, ist es doch ein anderer Kit, der die Qualität der Hochschule auszumachen scheint. Hienerth hält den Lehrstuhl für „Entrepreneurship“. Der in Vallendar gelehrte und gelernte Unternehmergeist umarmt die Neuerungen. Unter den Studenten beginnt – gefördert durch die Vorträge erfolgreicher digitaler Pioniere und WHU-Alumni wie Oliver Samwer oder Uwe Horstmann – vom ersten Semester an ein Wettstreit um die Entwicklung neuer Geschäftsideen mithilfe neuer Technologien oder digitaler Prozesse.

Längst ist „Entrepreneurship“ nicht mehr auf die WHU beschränkt – andere Hochschulen bieten entsprechende Vorlesungen ebenfalls an. Die Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin ist dabei, genau so wie die Freie Universität mit dem berühmten „Faltin-Lehrstuhl“ aus dem nicht nur die Teekampagne, sondern auch die „Stiftung Entrepreneurship“ und der Entrepreneurship Summit hervorgegangen sind.

Aber so wie Unternehmertum nicht vererbt wird, ist es auch nicht diplomierbar. Es ist eine Einstellung, die nicht an Titel und Hierarchien gebunden ist – oder wenigstens nicht sein sollte. Wir führen diese Diskussion im Rahmen der Definition der Ausbildungsinhalte für die „Kaufleute im E-Commerce“. Nach klassischer Herangehensweise wäre alles, was mit der Unternehmensentwicklung zu tun hat, eine Sache für den „Fachwirt“ bzw. auf neudeutsch einen „Bachelor“.

Das erklärt vielleicht, warum sich deutsche Unternehmen so schwer mit dem „unternehmen“ tun. Dabei gibt es längst gute Ansätze, Entrepreneurship dort zu verankern, wo die (Klein)Unternehmer von morgen sitzen – in den Mittelschulen.

Das „Network for Teaching Entrepreneurship“ (NFTE) bringt seit 2004 Kreativität in die öffentlichen und privaten Schulen. Und auch wenn immer wieder einmal die erwartbare Kritik an einer „Domestizierung der Schüler im Interesse des Kapitals“ geäußert wird, zeigen sich beachtliche Resultate. „Nifty“ sind Ideen wie die, den Fahrtwind der Autos durch kleine Windkrafträder in Autobahn-Leitplanken in Energie umzuwandeln. Aber es eben nicht nur Ideen, sondern die Unternehmerin, eine Papendorfer Schülerin, hat auch gleich einen Businessplan dafür erstellt. Übrigens: Eine Realschule mit angeschlossener Grund- und Hauptschule. Kein Gymnasium.

Entrepreneurship kann man lernen. Der neue Ausbildungsberuf sollte den Spirit der E-Commerce-Branche reflektieren. Es braucht Konstanten in einem Beruf, der sich immer neu erfinden muss. „Unternehmen“ ist diese Konstante, die die Lehrlinge von Anfang an aufsaugen müssen. Und das NFTE zeigt, dass sie an keine Hochschulreife gebunden ist.

So könnte die „Digitalisierungs-Prämie“ auch im Arbeitsmarkt ankommen. Die traurige Bilanz der Startup-Hauptstadt Berlin ist nämlich, dass die neu entstehenden Arbeitsplätze nicht aus dem bestehenden Arbeitsmarkt gedeckt werden. Rund 11.000 Arbeitsplätze wurden in Berlin durch die Tech-Szene neu geschaffen, aber die meisten durch zuziehende Fachkräfte besetzt, hat das PROGNOS-Institut ermittelt. Der Ratschlag der Forscher: Um mehr Menschen am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben zu lassen, braucht man mehr Bildung.

Aber bitte die richtige.

Am 16. Juni veranstaltet der bevh in Berlin den ersten „Fachkräftetag“. Hier geht es um die Möglichkeiten der Qualifizierung für digitale Berufe im Handel, von der kaufmännischen Erstausbildung über Fortbildungen bis zu Angeboten in Fachhochschulen und Universitäten. Die Teilnahme ist kostenlos, Informationen zu Programm und Anmeldung finden Sie unter http://www.bevh.org/fachkraeftetag.

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