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Neuer Dorfkonsum: Wie der Onlinehandel ein neues Landleben schafft

28072021

Neuer Dorfkonsum: Wie der Onlinehandel ein neues Landleben schafft

// Tags / Stadt & Land / Studie / Konsumverhalten / Statistik

Der E-Commerce versorgt die Menschen mittlerweile auch dort, wo es stationäre Händler nicht mehr können oder wollen – zum Beispiel auf dem Land. Der schwindende Handelsbesatz in den kleinen bis kleinsten Gemeinden ist oft nur Stückwerk: Ein Dorf verfügt über eine Apotheke, ein Schuhgeschäft befindet sich aber erst im Nachbarort. Eine Gemeinde bietet einen Teeladen, eine andere hat ein Elektrofachgeschäft. Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten: Fast überall auf dem Land sollte man lieber einen Führerschein besitzen, denn fußläufig entfernte Angebote sind selten. Die Vorteile des digitalen Handels zu sehen, fällt da nicht schwer: Das Internet bietet nahezu jedes erdenkliche Produkt, es hat rund um die Uhr geöffnet und liefert obendrein bis an den Gartenzaun. JWD* zu wohnen bedeutet im digitalen Handel, auf nichts mehr verzichten zu müssen.  

Keine Frage, der E-Commerce wird für das Landlebern immer wichtiger. Das gilt aber auch andersherum: Das Landleben wird immer wichtiger für den E-Commerce, schließlich leben dort immer mehr KundInnen. „Seit einigen Jahren beobachten wir schon eine zunehmende Suburbanisierung aus den Schwarmstädten: Vor allem junge Familien wandern auf der Suche nach einer großen, aber bezahlbaren Wohnung ins immer entferntere Umland,“ heißt es im aktuellen Empirica-Immobilienpreisindex. Er attestiert den ländlicheren Gegenden eine rasant steigende Nachfrage nach Wohnimmobilien, zum Teil schneller als in den Metropolen. Die Experten von Empirica wissen, wovon sie sprechen, kein anderes Forschungsinstitut besitzt eine größere Preisdatenbank, die auf tatsächlichen Immobilieninseraten beruht. 

„Bis heute sind Jobs und Einkaufsmöglichkeiten vor allem in den Groß- und Mittelstädten konzentriert.“ 

Nun könnte man meinen, die Rückbesinnung auf ländliche Gegenden sei auch mit der Pandemie zu erklären. Dass der Wunsch nach mehr Abstand zu den lieben Mitmenschen größer geworden ist, mag für den Augenblick verständlich sein und einem die wuselige Großstadt verleiden. Eine Landimmobilie zu erwerben (und sich auf Jahrzehnte an einen Kredit zu binden) ist für die meisten aber die wichtigste finanzielle Lebensentscheidung. Dass Menschen die Eigentumsbildung von Inzidenzzahlen abhängig machen, klingt daher wenig plausibel. Es gibt eine bessere Erklärung und die hat sehr viel damit zu tun, was das Einfamilienhaus zu einem Sehnsuchtsort macht: Es steht für Sicherheit, Heimat, einen grüner Rückzugsort. In einer immer unbeständigeren Welt muss es niemanden wundern, dass so viele Menschen Lust auf Landleben bekommen – auch ohne Corona.  

Dabei sah es für lange Zeit ganz anders aus. Bis heute sind Jobs (Geld verdienen) und Einkaufsmöglichkeiten (Geld wieder ausgeben) vor allem in den Groß- und Mittelstädten konzentriert, die Lebensbedingungen auf dem Land konnten da viele Jahrzehnte nicht mithalten. Das ändert sich langsam. Mittlerweile ergeben sich auf dem Land – Home Office sei Dank – nicht nur für das Erwerbsleben neue Möglichkeiten. Auch Waren und Dienstleistungen sind heute dort zugänglich, wo sie früher nur schwer verfügbar waren. Und nirgendwo weiß man das mehr zu schätzen als auf dem Land. 

„Besonders in Klein- und Kleinststädten äußern sich die KundInnen überwiegend positiv über ihre Erfahrungen mit dem E-Commerce.“ 

Dazu passt auch, dass sich Befürchtungen, ländlichere Gegenden würden von den Onlinehändlern außen vorgelassen, nicht bewahrheitet haben. Den laufenden Datenreihen des bevh zufolge scheint gerade außerhalb der Metropolen die Versorgung mit bestellten Waren besonders gut zu funktionieren. In den Klein- und Kleinststädten äußern sich die KundInnen besonders positiv über ihre Erfahrungen mit dem E-Commerce.   

Klar, eine absolute „Waffengleichheit“ zwischen Stadt und Land wird auch in einer vollkommen digitalisierten Welt nicht so schnell gelingen. Beide Lebensmodelle, ob Stadt oder Land, werden weiter ihre ganz eigenen Vorzüge und Nachteile haben – und das ist gut so. Man muss aber nicht lang überlegen, um zu sehen, dass der Aufbau digitaler Infrastrukturen in dünn besiedelten Gegenden die dortige Lebens- und Versorgungssituation erheblich verbessern kann. 

Und hier schließt sich der Kreis zum digitalen Handel: Dass Menschen Zugang zum Onlinehandel haben (schnelles Internet gepaart mit dem Ausbau dichter Lieferinfrastrukturen) ist ein bedeutender Zuzugsgrund geworden, ein Wertsteigerungsfaktor von Immobilien. Die Gleichung ist einfach: Wo sich Menschen zuverlässig, bequem und verzichtslos versorgen können, dort leben sie auch gerne. Das macht sich auch bei der Immobiliensuche bemerkbar, wie die LBS herausgefunden hat. Die LBS-Immobilienvermittler wurden danach gefragt, was „ihren“ Immobilienerwerbern bei der Suche nach einem Eigenheim besonders wichtig ist. 78 Prozent der Eigenheimkäufer gaben einen schnellen Internetanschluss an. Erst auf dem zweiten Platz (mit 72 Prozent) kam der Wunsch nach einem eigenen Garten oder Balkon. Immerhin 58 Prozent der Vermittler gaben an, dass bei Immobilienkäufen ein eigenes Home-Office-Zimmer zum digitalen Arbeiten den entscheidenden Unterschied mache.  

„Der Onlinehandel ist noch immer nicht überall Bestandteil von Raumordnungsplänen. Ganz so, als gäbe es ihn gar nicht.“ 

Und was nun? Kleinere Kommunen aber auch auf dem Land aktive Projektentwickler sind gut damit beraten, die digitalen Handelsstrukturen vor Ort genauer in den Blick zu nehmen. Dass es in vielen Landgemeinden noch Nachholbedarf gibt, liegt auch an den Vorbehalten, die digitalen Handelsmodellen in der Vergangenheit Gegenwind gegeben haben. Leere Ortskerne? Daran muss das Internet schuld sein! Im Ergebnis ist der Onlinehandel heute noch immer nicht überall Bestandteil von Raumordnungsplänen. Ganz so, als gäbe es ihn gar nicht. Die Digitalisierung für alles Schlechte verantwortlich zu machen, bringt aber niemanden weiter und verdeckt den Blick auf die wahren Strukturprobleme, mit denen viele ländliche Regionen zweifelsohne zu kämpfen haben

Stattdessen sollten ländliche Gemeinden damit anfangen, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu ihrem Vorteil zu nutzen und den Menschen das Landleben schmackhafter zu machen. Das bedeutet nicht, dass lokale Geschäfte vor dem Internet die Waffen strecken sollen – ganz im Gegenteil. Was die Händler in ländlichen Regionen jetzt brauchen ist eine „digitale Selbstermächtigung“ der lokalen Wirtschaft, und zwar durch sinnvolle Vernetzung und digitale Versorgungsstrukturen, die einem neuen, modernen Landleben gerecht werden können. Das kann bedeuten, dass regionale Erzeuger und lokale Lebensmittelhändler über eigene regionale Plattformen zusammengebracht werden. Die Produkte lokaler Händler wären dann zudem digital sichtbar und können einfach bestellt werden. Ein anderes Beispiel ist die einfachere Genehmigung dezentraler Depots, die den Kunden in besonders zersiedelten Gegenden die Abholung von Versandwaren erleichtern. Vorbilder gibt es genug. Bleibt zu hoffen, dass weitere folgen werden. 

*JWD = „Janz weit draußen“ 

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