Zur Zeit wird gefiltert nach: ausbildung
Filter zurücksetzen

E-Commerce: Ab Werk der zeitgemäße Handelsberuf

von Martin Groß-Albenhausen, 18. Juni 2018

„Mit dem Begriff der Prozessorientierung verbindet sich die Idee einer Abkehr von hochgradig arbeitsteiligen betrieblichen Organisationsformen mit ihren Abstimmungs- und Schnittstellenproblemen sowie ihrer Neigung zur Bürokratisierung der Abläufe. Programm der prozessorganisatorischen Reorganisation war es demgegenüber, die betriebliche Organisation ausgehend von den wertschöpfenden Prozessen neu zu organisieren und dabei zugleich Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass repetitive Teilarbeit zu Gunsten „vollständiger Arbeitsprozesse“ „im Sinne der Zielsetzung, Planung, Durchführung, Bewertung der eigenen Arbeit im Kontext betrieblicher Abläufe“ zurückgedrängt wird. (...) Eine Prozessbetrachtung in Analogie zum Arbeitsprozesskonzept verfehlt in ihrer Beschränkung auf die Ebene der operativen Sachbearbeitung systematisch den strategischen und normativen Horizont kaufmännischer Tätigkeit und reproduziert damit ein Modell vertikaler Arbeitsteilung, das mit der Geschäftsprozessorientierung im Sinne der betriebswirtschaftlichen Organisationstheorie eigentlich gerade überwunden werden soll. (...) Resümierend kann festgehalten werden, dass sich eine Prozessorientierung kaufmännischer Curricula unter der Leitidee qualifizierter kaufmännischer Fallbearbeitung und zukunftsoffener Kompetenzen nicht auf die Rekonstruktion von Arbeitsprozessen auf der operativen Ebene beschränken darf, sondern die systemische Einbettung dieser Tätigkeiten in den Gesamtzusammenhang betrieblicher Zielorientierungen, Gestaltungs- und Strategieentscheidungen mit reflektieren muss.“

Tade Tramm, Kaufmännische Berufsbildung zwischen Prozess- und Systemorientierung

Ich entschuldige mich für das einführende, lange, theoretische Zitat, das auf den ersten Blick so gar nichts mit E-Commerce zu tun hat. Und doch alles. Es ist symptomatisch, dass dieser Text aus dem Jahr 2002 stammt. 16 Jahre später macht sich die berufliche Bildung zögerlich daran, sich unter dem Label „Irgendwas 4.0“ aus dem mechanistischen Arbeitsverständnis herauszuschälen und vernetzter zu denken. Nichts anderes kehrte thematisch wieder und wieder auf dem Jahreskongress 2018 des Bundesinstituts für Berufsbildung, vorvergangene Woche in Berlin.

Wann immer ich in diesen Tagen den neuen Ausbildungsberuf der E-Commerce-Kaufleute vorstelle, gibt es bei den Betrieben und Berufsschulen zwei Reaktionen: Skepsis, ob Azubis in der Lage sind, die Komplexität des E-Commerce zu verstehen. Und Zustimmung, dass der „unfaire Vorteil“ des E-Commerce genau in der Meisterung dieser Komplexität besteht.

Unser neuer Beruf ist nach mehr als 10 Jahren der erste neue kaufmännische Beruf. Wenn es so etwas wie die Gnade der späten Geburt gibt, dann trifft sie auf diesen von Grund auf neu gedachten Beruf zu. Denn wir mussten keine etablierten Berufsbildpositionen neu abfassen und uns dabei doch an der überkommenen mechanistischen Logik orientieren. Sondern wir konnten genau das in den Beruf hineinschreiben, was wichtig ist:

  • • Verständnis für einzelne KPI, aber auch das gesamte Zahlengebäude 
  • • Verständnis für einzelne Datenarten, aber auch für die Wertschöpfung aus der Verknüpfung unterschiedlicher Daten 
  • • Verständnis für einen Detail-Prozess, aber auch dafür, Prozessketten zu zerlegen, neu zu kombinieren oder zu verkürzen – stets unter Berücksichtigung der kaufmännischen Sinnhaftigkeit.

Der Präsident des BiBB, Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, zeigte Resultate eines umfassenden Berufe-Screenings des Instituts. Der Stellenwert einzelner Fähigkeiten und Fertigkeiten wird über alle Berufe wie folgt prognostiziert:

Auf den Handel bezogen, löst der neue Ausbildungsberuf diese Erwartungen exakt ein – bis hin zum Verständnis, dass E-Commerce-Kaufleute nicht selbst programmieren, aber extrem versiert darin sein müssen, mit digitalen Technologien umzugehen.

Die vom BiBB als für alle Berufe gültig herausgearbeiteten Tendenzen lesen sich bei Esser wie folgt:

  • • Routineaufgaben wie z.B. einfache Verwaltungstätigkeiten nehmen ab – hingegen Zunahme komplexer Aufgaben wie Recherche-, Analyse- und Kontrolltätigkeiten 
  • • Gefragt sind IT-Knowhow: Bedienen digitaler Medien, digitale Abläufe und Abhängigkeiten im System nachvollziehen und mögliche Auswirkungen antizipieren 
  • • Umgang mit Daten: Große Datenmengen filtern und handhabbar machen, Daten kontrollieren und pflegen, Daten einordnen, verstehen, auswerten und interpretieren unter Wahrung von Datenschutz und -sicherheit 
  • • Projektarbeit: Von unterstützenden Projektassistenzaufgaben bis hin zum eigenständigen planen und durchführen von Projekten. Kollaboration und Kooperation in Teams 
  • • Schnittstellenmanagement: Vermittlung und Koordination zwischen internen Fachbereichen, Verständnis der Geschäftsprozesse und zunehmende Kommunikationsfähigkeiten auch über unterschiedliche Medienkanäle 
  • • Wachsende Kundenorientierung: Umgang mit anspruchsvolleren Gesprächssituationen, z.B. bei Sonderanfertigungen (Losgröße 1), Komplikationen und Reklamationen 
  • • Insgesamt steigende Anforderungen an Selbstkompetenzen, Flexibilität, Disziplin, Problemlösefähigkeiten, sorgsamer Umgang mit den eigenen Kräften und Selbstbewusstsein 

E-Commerce-Kaufleute als Leuchtturmprojekt moderner Berufsbildung. Ich freue mich, dass so viele unserer Mitgliedsbetriebe von Anfang an als Ausbilder dabei sind. Gehen wir weiter voran!

Zurück

Wie E-Commerce-Händler Werte treiben

von Martin Groß-Albenhausen, 16. Juni 2017

Die Ausbildung zur Kauffrau oder zum Kaufmann im Unternehmen ist nur die eine Hälfte des Dualen Ausbildungssystems. In den Berufsschulen werden die nicht betriebsspezifischen Kompetenzen vermittelt. Ein wichtiger Aspekt im neuen Ausbildungsberuf der „E-Commerce Kaufleute“ spielt dabei auch die Kaufmännische Steuerung und Kontrolle.

An sich ein Thema, das sich in allen kaufmännischen Ausbildungsberufen wiederfindet. Was aber sind die Spezifika im E-Commerce?

Eine Betrachtung nur der betrieblichen bilanziellen Kennzahlen würde zu kurz greifen. Sicher ist es für Azubis wichtig, die Kosten- und Leistungsrechnung zu kennen. Die Lernfelder 6 („Werteströme erfassen und beurteilen“) und 9-11 („Liquidität sichern und Finanzierung vorbereiten“; „Wertschöpfungsprozesse erfolgsorientiert steuern“; „Geschäftsprozese darstellen und optimieren“) in der Ausbildung der Kaufleute für Büromanagement zeigen, wie tief die finanziell beschreibende Sicht gehen kann.

Häufig liegt in klassischen Betrieben das Problem darin, die wichtigen Zahlen überhaupt erst einmal zu ermitteln. Im E-Commerce ist es das Gegenteil – hier hat man ein Überangebot an Zahlen, aus denen die E-Commerce-Kaufleute überhaupt erst einmal die KPIs ermitteln müssen, mit denen sich die Werttreiber des Unternehmens steuern lassen.

Dass dies nicht nur für Auszubildende eine Herausforderung ist, sondern auch eine Chance für das gesamte Unternehmen darstellt, zeigte das Seminar „Controlling: Reporting und Steuerung im Onlinehandel“, das kürzlich gemeinsam von KPMG und bevh im Rahmen der bevh-Academy veranstaltet wurde. Nur wenige Unternehmen nutzen bis heute treiberbasierte Steuerungsmodelle. Dabei sind gerade diese in der Lage, differenzierende Geschäftsmodelle in Zahlen abzubilden und zu steuern. Die Werttreiber in einem beratungsorientierten vs. einem preisorientierten vs. einem Club-Geschäftsmodell unterscheiden sich sowohl absolut als auch in der Abhängigkeit voneinander. Am Ende führen Sie zwar immer auf Finanzkennzahlen wie Umsatzerlöse, Umsatzkosten oder Marketingkosten und auf aggregierende Steuerungszahlen wie ROAS, ROCE oder auch einfach EBIT zurück. Aber die Hebel und Gewichte wirken unterschiedlich.

  • Treiberbasierte Steuerungsmodelle bilden die Basis, um zeitgerecht auf Marktveränderungen reagieren zu können. (c) 2017, KPMG

Das setzt bei E-Commerce-Kaufleuten ein Verständnis für die Prozesse und Kennzahlen auf der Mikroebene (z.B. Marketing, Logistik) voraus. Nicht zuletzt deshalb, weil eine Veränderung im Detail enorme Skaleneffekte nach sich zieht – im Positiven wie im Negativen.

Damit zusammen hängt eine weitere Unterscheidung von E-Commerce zu anderen Handelsformen: Klassische Planungsmodelle und –zyklen reichen nicht aus. Das Forecasting hat eine wesentlich höhere Bedeutung, funktioniert besonders gut in „agilen“ Umfeldern, verlangt aber eine Reduktion der reporteten Kennzahlen. „Better done than perfect“, Controlling-Style.

Dieses moderne Verständnis, das auf digitale Wertschöpfungsmodelle ausgerichtet ist, führen wir mit dem E-Commerce-Kaufmann in die berufliche Bildung ein. Das Gremium der Berufsschullehrer, die den Rahmenlehrplan definieren, ist dafür sehr aufgeschlossen: Sie suchen gezielt den Kontakt mit den Fachexperten in den Betrieben, um die Lernfelder maximal auf die Anforderungen im E-Commerce-Umfeld auszurichten. Häufig wird kritisiert, dass die Inhalte in den Berufsschulen weit entfernt sind von der modernen Arbeitsumgebung. Dies wird sich durch die häufig webbasierten Tools des E-Commerce vermeiden lassen. Und: auch die Notwendigkeit, gerade in diesem Beruf in kurzen Zyklen das (Ausbilder-)Wissen aufzufrischen, ist bei den Schulen inzwischen erkannt und akzeptiert.

Der neue Beruf ist auf der Zielgeraden.

Übrigens: Wenn Sie sich für Bewertung von Unternehmen, Marken und Geschäfsmodellen interessieren, führen wir wiederum gemeinsam mit der KPMG am 4. Juli ein weiteres Fachseminar für unsere Mitglieder durch. Bei Interesse melden Sie sich direkt bei Jana Franke im bevh.

Zurück

Rohfassung der Ausbildungsverordnung "E-Commerce-Kaufleute" steht

von Martin Gross-Albenhausen, 16.2.2017

In ihrer dritten Sitzung haben die Sachverständigen des Bundes am 7. und 8. Februar 2017 die erste Rohfassung aller berufsprofilgebenenden und integrativen Fertigkeiten von angehenden E-Commerce-Kaufleuten abgeschlossen. Zugleich wurden in einer gemeinsamen Sitzung mit den Sachverständigen der Länder aus den Berufsschulen Rahmenbedingungen für den betrieblichen und schulischen Part der Ausbildung diskutiert.

Damit befindet sich der neue Beruf auf gutem Gleis, so dass in den kommenden Sitzungen die zeitliche Gewichtung und Verteilung der Ausbildungsinhalte sowie Fragen zur Prüfung diskutiert werden können.

Zuvor allerdings geht der Entwurf der Ausbildungsverordnung in die zweite Lesung: hier können die noch nicht ausreichend berücksichtigten Aspekte einzelner Ausbildungsbetriebe erörtert und ergänzt werden. Das ist eine besonders wichtige Diskussion, da für Onlineanbieter mit Waren z.B. logistische Kennzahlen und Prozesse eine viel wichtigere Rolle etwa für die Entwicklung von Kundenwerten haben als bei E-Commerce-Unternehmen aus dem Tourismus oder der digitalen Güter. Auch Aspekte des Multichannel müssen berücksichtigt werden, ohne - wie zuletzt beschrieben - den Vertrieb über mehrere Kanäle zwingend vorauszusetzen.

Damit in dieser Phase noch möglichst viele Hinweise aus der E-Commerce-Branche gehört werden können, veranstaltet das Kuratorium der deutschen Wirtschaft für Bildung (KWB) am 28. Februar in Berlin eine Sitzung der sog. Begleitkommission. In dieser wird die Rohfassung erstmals präsentiert, erläutert und zur Diskussion gestellt.

Etliche bevh-Mitglieder nehmen an der Begleitkommission teil. Möchten auch Sie sich zu diesem Zeitpunkt noch einbringen, dann senden Sie mir eine Mail. Ich würde Sie dann direkt mit dem Koordinator im KWB in Kontakt bringen.

Zurück

Was ist "normal" im E-Commerce?

Gedanken zur Ausbildung von Martin Groß-Albenhausen, 19. Januar 2017

Seit November 2016 wird der E-Commerce vermessen. Genauer gesagt: das Berufsbild, die typischen, differenzierenden Handlungen in unserer Branche. „Was mit Internet“ ist häufig die Antwort, wenn Oma zu erklären versucht, was Emmas Enkel so den ganzen Tag treibt. Jeder hat eine Vorstellung davon, was ein Einzelhändler macht. Aber der Onlinehändler?

Die „Sachverständigen-Kommission des Bundes zur Neuordnung des Ausbildungsberufs der E-Commerce-Kaufleute“ (so der offizielle Titel) legt fest, was jemand zwingend im Rahmen seiner Ausbildung im E-Commerce gelernt haben muss. Der doppelte Imperativ (zwingend! muss!) steht hier bewusst, denn die resultierende Ausbildungsverordnung legt die Fertigkeiten fest, die ein Unternehmen von einer Fachkraft im E-Commerce mindestens erwarten kann.

Wenn man auf einer der Veranstaltungen des Frühjahrs, z.B. auf der Internet World, dem DCD oder der K5, die dort anwesenden Experten befragen würde, was jeder E-Commerce-Macher können muss, würde vermutlich ein Lehrbuch herauskommen, das Andre Alpars oder Mario Fischers Standardwerke wie Frühstückslektüre aussehen ließe. Sperrte man dieselben Experten in einen Raum und verpflichete sie, die demonstrative Einigkeit („mit uns läuft die neue Zeit!“) auf 15 Mindest-Gebote zu kondensieren – wie viel common sense gäbe es wirklich?

Dabei liegt die besondere Herausforderung darin, Tätigkeiten so zu beschreiben, dass kein bestehendes Geschäftsmodell als zwingend vorausgesetzt wird. Wieso? Weil E-Commerce eben nicht auf einen Onlineshop reduziert werden kann. Und weil auch bei aller Wahrnehmung von Multichannel-Nutzung nicht gesetzt werden darf, dass ein E-Commerce-Unternehmer mehr als einen einzigen Kanal (für Werbung etc.) nutzt. In einer Branche, in der sich das Wissen alle 11 Monate halbiert und im Jahrestakt neue Kanäle samt proprietären Absatzmodellen entstehen, würde die Verordnung eines bestimmten Mediums den Ausbildungsplan zum Zeitpunkt der Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt schon revisionsbedürftig machen.

So ringen die Experten um Formulierungen, die hinreichend offen bleiben, um auch solche Unternehmen als Ausbildungsbetriebe einzubinden, die keinen eigenen Shop betreiben, sondern nur über Plattformen verkaufen. Oder die sich von der Werbung in einer Suchmaschine völlig verabschiedet haben. Oder die perfekte Verkaufsberatung über Sprachdialoge (Alexa, Siri, Cortana, Google Home) bieten, aber keinen einzigen Screen designen.

  • Wer das, was heute im E-Commerce Repräsentationen der Daten sind, als „normal“ betrachtet und im Ausbildungsplan mit seinen vorgeschriebenen Tätigkeiten „normiert“, verkennt das Paradigma der Digitalisierung. Panta rhei. 

Ein Ding der Unmöglichkeit? Die Sachverständigen des Bundes – Praktiker aus dem Online- und Multichannel-Handel – spalten mit Begeisterung Haare: sie zerlegen etwa den Checkout-Prozess in seine Bestandteile; sie beschreiben und unterscheiden beispielsweise den Dispositions- und Lieferungsprozess zwischen Dropshipping und eigener Bevorratung in E-Commerce-Szenarien und führen beide auf die gemeinsamen spezifischen Tätigkeiten zurück; sie vollziehen die Prozesse im Performance-Marketing nach und leiten die nötigen Fertigkeiten der E-Commerce-Mitarbeiter ab.

E-Commerce steht für sich allein, ragt aber auch in die Arbeitsfelder der Produktion, des Handwerks und jeglicher anderer Branchen hinein. Die Fachkräfte können als Einzelunternehmer erfolgreich werden oder im Unternehmen andere Abteilungen unterstützen.

Sie werden die Macher des neuen Handels – der eben immer wieder nicht normal ist.

Zurück