Pressegespräch "Versandhandel in den Neuen Bundesländern" mit dem Präsidenten des Bundesverbandes des Deutschen Versandhandels e.V. (bvh), Herrn Rolf Schäfer, anlässlich der Mitgliederversammlung am 22. Juni 2004 in Magdeburg.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, Sie heute zu unserem Pressegespräch im Rahmen eines kleinen Mittagessens begrüßen zu dürfen. Der Bundesverband des Deutschen Versandhandels mit Stammsitz in Frankfurt am Main ist in diesen Tagen anlässlich seiner Mitgliederversammlung erstmals zu Gast in Magdeburg. Wir haben diesen Ort auch deshalb gewählt, um unseren Mitgliedern und Gästen, darunter - so hoffe ich - auch Ihnen, eines der größten deutschen, ja sogar größten europäischen Versandzentren zeigen zu können, das Otto-Logistikzentrum Haldensleben. Und wir möchten unseren Aufenthalt nutzen, um Ihnen einen Einblick in unsere Branche zu geben und mit Ihnen über die Entwicklung des Versandhandels seit der Wende und speziell in den neuen Bundesländern sprechen zu können.

Meine Damen und Herren, in Deutschland kennt und schätzt man den Versandhandel schon seit 1870. Diese lange Tradition hat auch dazu beigetragen, dass heute der deutsche Versandhandel in Europa führend ist. Mit 255 Euro wird pro Kopf der Bevölkerung nirgendwo so viel Geld per Katalog, Internet und TV-Shopping ausgegeben wie hierzulande. Versandhandel ist beliebt in Deutschland. Insgesamt setzten die Versandhandelsunternehmen im Jahr 2003 in Deutschland 21,0 Mrd. Euro um. Das sind zwar 1,3 Prozent oder 280 Millionen Euro weniger als 2002, gemessen an den konjunkturellen Rahmenbedingungen für die Einzelhandelslandschaft haben sich die Versender aber noch achtbar geschlagen. Die Spezialversender, das sind sozusagen die Fachhändler unter den Versendern, können für 2003 auf ein Umsatzplus von 3,9 Prozent (2002: +1,0 Prozent) verweisen. Spezialversender bieten eine hohe Bandbreite ausgesuchter Produkte in ihrem Sortimentsbereich. Übersichtlich und an einem Ort vereint, im Internet oder im traditionellen Katalog. Sie stehen für "Problemlösung" in ganz spezifischen Nischen.

Die sieben warenhausähnlichen Universalisten (Bader, Baur, Klingel, Neckermann, Otto, Quelle und Schwab) mussten im vergangenen Jahr jedoch ein Minus von 5,0 Prozent (2002: +4,6 Prozent) hinnehmen. Im Jahr 2002 hatte vor allem das Quelle-Jubiläum für eine weit bessere Zahl gesorgt. Die Universalanbieter, auch Sortimentsversender genannt, führen in ihren Hauptkatalogen bis zu 100.000 Artikeln aus verschiedensten Warenbereichen. Nur große Warenhäuser können da mithalten.

Den Rekordanteil am gesamten Einzelhandelsumsatz von 6 Prozent hat die Versenderbranche im vergangenen Jahr behaupten können. Durch den Rückgang im klassischen Einzelhandel von ebenfalls mehr als einem Prozent haben sich keine Verschiebungen ergeben. Konstant ist auch der Anteil des Versandhandels am gesamten Textil- und Bekleidungshandel in Deutschland. Der Versandhandel hält mit einem textilen Umsatz von insgesamt 8 Mrd. Euro einen Anteil von 16 Prozent.

Meine Damen und Herren, noch eine Zahl möchte ich Ihnen zu unserer Branche nennen: Gemessen auf Vollzeitbasis waren zum Stichtag 31. Dezember 2003 insgesamt 64.152 Mitarbeiter in den Versandhandelsunternehmen tätig.

Eine ganze Reihe dieser Arbeitsplätze findet sich inzwischen in einem der neuen Bundesländer, darauf werde ich später noch zurückkommen. Doch lassen Sie mich zunächst skizzieren, wie sich der Versandhandel speziell im östlichen Teil Deutschlands in der Vergangenheit entwickelt hat.

In der DDR hatte der Versandhandel nie eine nennenswerte Rolle gespielt. 1956 eingeführt, kam er zuletzt nicht einmal mehr auf ein Prozent des Einzelhandelsum-satzes. 1974 wurde er sogar per Dekret eingestellt. Die historischen, unvergessenen Ereignisse im Herbst 1989 jedoch ebneten den Weg zu einer Zeitenwende. Politisch wie auch wirtschaftlich. Vor allem die Versandhandelsunternehmen konnten in dieser "Stunde Null" profitieren, die weltpolitischen Ereignisse bescherten den Versendern praktisch über Nacht eine neue Boomzeit. Mit dem Fall der innerdeutschen Grenze konnten plötzlich weitere 16 Millionen Menschen per Post bestellen und per Katalog von heute auf morgen auf ein komplettes Warenangebot zurückgreifen. Das Internet spielte Ende der 80er Jahre noch keine Rolle. Dort, wo es also zu dieser Zeit kaum Waren gab, keine Kaufhäuser und nur wenige Geschäfte. Dort, wo zuvor eher der Mangel verwaltet wurde als dass es ein wirkliches Angebot gab, kam dem Versandhauskatalog quasi über Nacht eine elementare Bedeutung zu. Marktforscher bestätigten den Versendern, dass außerdem die geläufigen Namen und Slogans in Ostdeutschland sehr gut bekannt waren. So sah sich der deutsche Versandhandel zurückversetzt in jene Zeit nach der Währungsreform, ein riesiger Absatzmarkt wartete förmlich auf uns. Doch davor stand harte Arbeit: Zunächst waren Kataloge nachzudrucken, Adressen zu erfassen, zusätzliche Waren zu beschaffen, und vor allem die logistischen Probleme mussten gelöst werden. Was Versender in den beiden ersten Jahren nach der Wiedervereinigung leisteten, war ohne Beispiel. Wo Warenhäuser und Ladengeschäfte fehlten - der Katalog war da. Er war die Hauptversorgungsquelle in der ersten Zeit und schaffte Vertrauen und Loyalität, was bis heute anhält.

Der ungeheure Nachholbedarf der Menschen in den neuen Bundesländern bescherte dem Versandhandel einen nie geahnten Umsatzboom. Der Versandhandelsumsatz stieg innerhalb eines Jahres von 12,8 Mrd. Euro im Jahr 1989 auf über 15 Mrd. Euro im Jahr 1990. Im folgenden Jahr legte der Umsatz noch einmal um 3,5 Mrd. auf 18,5 Mrd. Euro zu. Der Höhepunkt war dann im Jahr 1993 erreicht, der Versandumsatz belief sich inzwischen auf 21,4 Mrd. Euro. Zwischen 1989 und 1993 erhöhte sich der Branchenumsatz damit um insgesamt 67 Prozent.

Meine Damen und Herren, es war nur folgerichtig, dass zusätzliche Umsätze auch neue Investitionen nach sich zogen. Und das vor allem in genau dem Teil Deutschlands, der sich zu einem immer größeren Absatzmarkt entwickelte. Gerade in den neuen Bundesländern haben unsere Mitgliedsunternehmen für die Zukunft entscheidende Investitionen getätigt, vor allem in die Logistik. Die drei größten Versandhandelsunternehmen Deutschlands, nämlich – in alphabetischer Reihenfolge - Neckermann, Otto und Quelle haben in den Jahren 1991 bis heute insgesamt fast genau eine Milliarde Euro in Logistik-Standorte der neuen Bundesländer investiert und dort mehr als 5.100 Arbeitsplätze geschaffen. In diese Rechnung noch nicht einbezogen sind die vielen Arbeitsplätze, die in den neuen Call Centern, den stationären Shops sowie im Zuge der Investitionen etwa in der Bauindustrie mittelbar entstanden sind. Alles in allem schätzen wir, dass damit der Grundstein für weitere 12.000 Arbeitsplätze gelegt wurde. Aus den Versandzentren Haldensleben (Otto), Heideloh (Neckermann) und Leipzig (Quelle) werden heute rund 90 Millionen Pakete jährlich in die gesamte Republik versandt.

Neben diesen immensen Investitionen der etablierten deutschen Versender sind jedoch in den Jahren seit 1989 vergleichsweise wenige Versandhandels-Neugründungen in den neuen Bundesländern erfolgt. Unter den fast 200 Versender im bvh haben nur fünf von ihnen ihren Hauptsitz in einem neuen Bundesland. Eines davon ist ein traditionell im Osten Deutschlands beheimatetes Unternehmen, die N.L. Chrestensen Erfurter Samen- und Pflanzenzucht GmbH. Das Unternehmen wurde vor 137 Jahren in Erfurt zunächst als Kunst- und Handelsgärtnerei gegründet. Die Relation innerhalb der Verbandsmitglieder spiegelt sich auch unter allen deutschen Versandhandelsunternehmen wider. Nach dem Verzeichnis des Deutschen Versandhandels 2003, das jährlich vom fid-Verlag in Bonn herausgegeben wird, sind 96 Prozent aller Versender Deutschlands in den alten Bundesländern zu finden, nur 4 Prozent führen ihren Sitz in den neuen Bundesländern.

Zweierlei Gründe sind hierbei anzuführen. Zum einen gab es in der ehemaligen DDR keinen funktionierenden Versandhandel, zum anderen konnten die Versender in den alten Bundesländern die gestiegene Nachfrage nach der Wende durch eine Ausweitung ihrer Kapazitäten abfangen. Ein Verkauf auf Distanz macht eben eine unmittelbare räumliche Nähe zum Kunden überflüssig; die Warenpakete erreichen ihn per Post oder über andere Zustelldienste direkt an der Haustür, egal wo.

So unterschiedlich die bundesdeutsche Standortstruktur in der Versandhandelsbranche auch sein mag, so ausgeglichen verläuft doch das Bestellverhalten auf der Kundenseite. Seit 1993, als der immense Nachholbedarf der Kunden in den neuen Bundesländern weitgehend abgeschlossen war, bestellen Konsumenten in den neuen Bundesländern ebenso häufig wie Kunden in den alten Bundesländern, sie kaufen ähnliche Waren mit ähnlichen durchschnittlichen Auftragswerten. Dies haben Abfragen bei unseren Mitgliedsunternehmen ergeben. Im bundesdeutschen Durchschnitt bestellt jeder Einwohner pro Kopf für 255 Euro pro Jahr im Versandhandel per Katalog, Internet und TV-Shopping. Im gesamten Bundesgebiet hat die Verbraucheranalyse 2003 des Heinrich Bauer Verlags fast 27 Mio. Versandhauskäufer ermittelt, das sind mehr als 30 Prozent aller Bundesbürger. Und sie verteilen sich gleichmäßig auf die gesamte Republik.

Beim Kaufverhalten gibt es also keine deutlich spürbaren Ausschläge nach oben oder unten in einzelnen Bundesländern. Einzig ist festzuhalten, dass in den neuen Bundesländern eine etwas stärkere Affinität zum Versandhandel besteht. Das erklärt sich aus der Tatsache, dass über die gesamte Bundesrepublik hinweg in eher ländlich geprägten Regionen ohne starke Ballungsräume und mit vielen Städten unter 30.000 Einwohnern generell besonders stark im Versandhandel bestellt wird. Das Angebot an stationären Einkaufsmöglichkeiten ist hier begrenzt und oft nur auf der grünen Wiese zu finden. Der Versandhandel übernimmt für diese Regionen eine wichtige Versorgungsfunktion. In den neuen Bundesländern sind genau diese ländlichen Regionen besonders stark ausgeprägt.

Was die Kunden in den östlichen Landesteilen jedoch noch bis Mitte der 90er Jahre unterschied, war ihr Verhalten hinsichtlich der Retouren im Versandhandel. Während in den ersten Jahren nach der Wende in den östlichen Bundesländern noch ein sehr zielgerichtetes Bestellen mit dementsprechend geringen Retourenquoten an der Tagesordnung war, glich sich dies anschließend schrittweise an die Gewohnheit in den alten Bundesländern an. Inzwischen kann wie auch beim Bestellverhalten keinerlei Unterschied beim Retourenverhalten mehr festgestellt werden.

Der Anteil der im Versandhandel bestellten und anschließend zurückgesandten Ware nimmt im gesamten Bundesgebiet jährlich zu. Im Jahr 2002 lag die Rücksendequote, also das Verhältnis zwischen den vom Kunden retournierten zu den an die Kunden versandten Warenstücken, bereits bei durchschnittlich 30,2 Prozent. Seit 1998 ist dieser Wert um ganze 25 Prozent hochgeschnellt. Diese Werte sind Ergebnis einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger vom November 2003. Danach verursachten die Retouren im Jahr 2002 bei den Versandhandelshäusern durchschnittlich eine Belastung von 8,5 Prozent vom Nettoumsatz. Und hieran sind Versandkäufer im Süden und Norden Deutschlands genau wie im Osten und Westen der Republik gleichermaßen beteiligt.

In allen Landesteilen wird allein zu Lasten der Versandhändler zurückgeschickt, anders übrigens als im Rest Europas. Denn nur in Finnland und in Deutschland muss per Gesetz die Kosten der Rücksendung zwingend der Unternehmer tragen, Sanktionsmöglichkeiten zur Eindämmung der Vielretournierer sind der Branche damit gesetzlich verwehrt. Genau diese abschreckenden Sanktionsmöglichkeiten wären aber für uns so wichtig, um verhaltenssteuernd eingreifen zu können, wenn Kunden zum Beispiel aus Spaß bestellen oder fortwährend sämtliche bestellten Waren wieder zurücksenden. Denn interessant ist: Eine Minderheit ist Treiber der Retourenkosten, nur 10 Prozent aller Kunden sind für wiederum 40 Prozent aller Retourenkosten verantwortlich. Und diese Minderheit können wir nicht zur verursachergerechten Weiterbelastung der Kosten heranziehen, letztlich zum Schaden aller Kunden. Wir können nur hoffen, dass die Politik ein Einsehen hat und diese gesetzliche Regelung in eine EU-analoge zurückführen wird. Im Interesse des Versandhandels und seiner Kunden.

Meine Damen und Herren, der Versandhandel ist eine regionenüberspannende Vertriebsform, die sich bis in den kleinsten Winkel der Republik durchgesetzt hat, im Osten wie im Westen Deutschlands. Auch wenn die allgemeine Wirtschaftslage und die gedämpfte Konsumstimmung der Menschen derzeit das Geschäft schwierig machen, auf uns verlassen sich viele Millionen Menschen. Wir werden weiter daran arbeiten, dass dies auch in Zukunft so sein wird.

Vielen Dank.

Frankfurt

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KONTAKT:
Rebekka Goldstein

Team- und Projektassistentin & Veranstaltungsmanagement

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