Virtueller und materieller Ressourcenverbrauch

Im Vergleich zum stationären Handel erscheint der Online Handel einen deutlich niedrigeren Ressourcenverbrauch zu haben. Aufgrund der Digitalisierung können z.T. materielle Produkte durch digitalisierte Güter ersetzt werden. Insbesondere bei Waren im Bereich der Informationsgüter wie Zeitungen, Bücher, CDs und Videos können so Ressourcen eingespart werden.[1] Materielle Produkte werden dabei in Bitströme verwandelt (oder dematerialisiert) und diese Informationen können dann über Datennetze unabhängig von physischen Trägern vertrieben werden. Für diese Waren wird die gesamte alte Wertschöpfungskette von der Herstellung über die Verpackung bis hin zum Transport überflüssig: D.h. die Möglichkeit zum Download lässt Transportkosten und CO2-Emissionen radikal sinken. Um die digitalen Produkte nutzen zu können, werden jedoch neue physische Träger und Infrastrukturen benötigt, die neue Umweltbelastungen hervorrufen, beispielsweise durch das Wieder-Materialisieren von virtualisierten Produkten (z.B. beim Ausdrucken von Online-Zeitungen oder das Brennen von Musikstücken auf CD) (siehe dazu auch: Kapitel 2 – Ökologisch – „Energieverbrauch“). [2]

Eine wichtige Frage ist dabei, ob elektronische Medien ein Substitut für Print oder andere Medien darstellen. Oftmals ersetzen elektronische Medien andere Medien nicht, sondern werden ergänzend genutzt; hier besteht eine Gefahr von Additionseffekten, welches sowohl den Ressourcen- als auch den Energieverbrauch tendenziell erhöht. Dies wird jedoch hauptsächlich ein Problem der Übergangsphase bleiben, in der Umgewöhnungsphase von Konsumverhaltensmustern und noch nicht „perfekt“ entwickelter Hardware. Zum Beispiel werden bereits faltbare hauchdünne Monitore entwickelt, die das Potenzial haben, Papier auch vollständig abzulösen. Auch werden neue Geschäftsmodelle, die eine Nutzung verkaufen, als vielmehr nur ein Produkt, in Zukunft eine größere Rolle spielen, die traditionelle Konsum- und Besitzformen ablösen könnten.

Insgesamt gesehen, kann jedoch von einer Reduktion von Ressourcen ausgegangen werden, da E-Commerce nicht nur auf Produktebene zu einer Dematerialisierung führt, sondern auch Filialen virtualisiert und somit materielle Ausstattungen überflüssig werden.[3]

Den positiven Auswirkungen der Dematerialisierung auf den Ressourcenverbrauch steht derderzeitige erhöhte Bedarf an elektronischen Geräten gegenüber.[4] Aufgrund der kurzen Innovationszyklen ist die durchschnittliche Produktnutzungsdauer von Elektronikgeräten relativ niedrig. Dies führt zu großen Abfallmengen von Elektronikgeräten, wobei es sich teils um toxisch belasteten Elektronikschrott handelt.[5] Etwa 9,5 Mio. Tonnen elektrische und elektronische Geräte landen in Europa jedes Jahr im Müll.[6] Die Deutschen steuern insgesamt 1,8 Mio. Tonnen bei; das sind 21,6 Kilogramm pro Einwohner (im Vergleich: Briten mit 23,5 kg/Einwohner und Norwegen mit 28kg/Einwohner).[7] Laut Gesetz müssen Elektroschrott und noch funktionsfähige Geräte gesammelt, fachgerecht entsorgt und wiederverwertet werden. Zum Teil stecken in diesen Geräten noch wertvolle Rohstoffe und Komponenten, wie zum Beispiel Metalle, Silber, Gold, Palladium, Kupfer und Kobalt, die wiederverwertet werden könnten.

Jedoch landet nur etwa ein Drittel (3,3 Mio. Tonnen) der Geräte in den offiziellen Sammel- und Recyclingeinrichtungen.[8] Diese lokalen Sammelstellen sind (lediglich) für die Vorsortierung nach Warengruppen zuständig. Für die weitere Sortierung, Verwertung und Entsorgung sind die Hersteller selbst verantwortlich. Meist beauftragen die großen Hersteller, wie Samsung oder Apple, zertifizierte lokale Entsorgungsunternehmen, die wiederum die sortierten Wertstoffgruppen zum nächsten spezialisierten Recycling-Unternehmen bringen. Die Recycling-/Entsorgungsprozess ist eine komplexe Kette die nur schwer durchblickt werden kann.[9]

Diese Situation ist momentan ein großes Problem, das aber im Wesentlichen durch die Digitalisierung als Ganzes verursacht wird. Lösungen werden dringend benötigt, aber der Bedarf an elektronischen Geräten und somit die Abfallmenge in Zukunft wird tendenziell abnehmen. Zum einen geht die Entwicklung dahin, dass immer mehr Funktionen/Nutzen durch nur ein einziges Gerät gedeckt werden und wir in Zukunft nicht mehr viele unterschiedliche Geräte für denselben Nutzen brauchen. Zum anderen gibt es tendenziell immer mehr Modelle, die traditionelle Besitz- und Konsumformen ablösen, wie z.B. Share Economy Ansätze, die dann eine ökologisch optimierte Nutzung implizit anbieten können (siehe dazu auch: Kapitel 4 – Gesellschaft – „Kaufverhalten & nachhaltiger Konsum“).

Die restlichen 6 Mio. Tonnen werden nicht ordnungsgemäß entsorgt (Hausmüll) oder recycelt (z.B. illegal exportiert). In Zahlen sind dies bis zu 1,7 Mrd. Euro entgangene Einnahmen pro Jahr (Hersteller und Recyclingunternehmen sparen bis zu 600 Mio. Euro im Jahr durch die illegale Entsorgung).[10] Teils landet der ausgeführte Elektroschrott (jährlich rund 400.000 Tonnen) letztendlich in afrikanischen Ländern wie Ghana und Nigeria oder in China, wo ganze Regionen mit Bergen von hochgiftigem Elektroschrott verseucht werden, was katastrophale Folgen für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen hat.[11]


1

Saemundur K. Finnbogason, 2013, 38

2

Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, 2003, 31ff.

3

Saemundur K. Finnbogason, 2013, 38

4

öko Institut e.V, 2006, 8; Klaus Fichter, 2003, 27

5

Tagesspiegel online, 2015

6

Spiegel online, 2015

7

Statista, 2015

8

Spiegel online, 2015

9

Tagesspiegel online, 2015

10

Spiegel online, 2015

11

Spiegel online, 2015

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