Barrierefreies Einkaufen im Web - Teil 2

erklärt von Heike Clauss, Projektleitung BIK für Alle

Wer seine Produkte über Verkaufsplattformen anbietet, dem sind natürlich die Hände gebunden.  Hier gibt es wenig Einfluss auf die barrierefreie Darstellung des Angebots. Zu erwarten ist, dass die Portale entsprechend angepasst werden, wenn es eine klare rechtliche Vorgabe gibt. 

Anders, wenn Sie einen eigenen Shop betreiben, hier können Sie selbst für gute Zugänglichkeit sorgen. Ähnlich wie bei dem Bau eines Gebäudes ist Barrierefreiheit im Web am kostengünstigsten umzusetzen, wenn sie von Anfang an mitbedacht wird. Der ideale Zeitpunkt ist also, wenn ein Shop neu eingerichtet wird oder ein Relaunch ansteht. Aber auch im laufenden Betrieb können peu à peu Verbesserungen vorgenommen werden.

Für die Umsetzung ist in erster Linie die beauftragte Agentur zuständig. Sie ist für die Auswahl der technischen Grundlage, also des CMS bzw. Shopssystems und die barrierefreie Entwicklung des Auftritts verantwortlich.

Formulieren Sie gegenüber der Agentur konkret, dass der Internetauftritt die Vorgaben der Konformitätsstufe AA der WCAG 2.0 erfüllen muss. In der WCAG werden die drei Stufen A, AA, AAA unterschieden. Die Stufe AA ist der gängige Standard.

Leider haben sich viele Agenturen bislang noch nicht mit barrierefreiem Webdesign beschäftigt. Dies hat zur Folge, dass sich auch deren Mitarbeiter zunächst in das Thema einarbeiten müssen. Agenturen, die schon nachweislich barrierefreie Webauftritte entwickelt haben, finden Sie auf unserer Liste 90+. (http://www.bitvtest.de/90plus/agenturen.html)

Aber auch die Redakteure, die Texte oder neue Produkte eingeben, tragen zur Zugänglichkeit einer Seite bei. Sie müssen z.B. Überschriften korrekt auszeichnen und Bilder oder Fotos mit Alternativtexten versehen.

Was kostet Barrierefreiheit?

Was kostet die barrierefreie Umsetzung? Eine Frage, die natürlich immer im Raum steht, auf die sich aber leider nicht mit konkreten Zahlen antworten lässt. So hängen die Kosten für barrierefreies Design davon ab

ob bei einer Neugestaltung bzw. einem Relaunch Barrierefreiheit von vorn herein mitgeplant wurde oder ein Webangebot extra „nachgerüstet“ werden muss

ob die beauftragte Agentur bereits Erfahrung im barrierefreien Design hat oder entstehende Kosten für Qualifizierung/Einarbeitung an den Kunden weitergibt

wie technisch komplex der Auftritt ist.

Zudem ist der Aufwand für die barrierefreie Gestaltung und andere Aufgaben der Entwicklung oft nicht klar zu trennen. Auch gibt es viele Usability-Anforderungen, die mit der Barrierefreiheit Hand in Hand gehen.

Erfahrungen aus dem öffentlichen Sektor oder aus anderen Ländern, in denen auch privatwirtschaftliche Branchen gesetzlichen Verpflichtungen unterliegen, zeigen: Barrierefreiheit ist machbar. Und besonders dann, wenn Barrierefreiheit nicht von heute auf morgen umgesetzt werden muss, sondern es angemessene Vorlaufzeiten zur Vorbereitung und Planung des Prozesses gibt.

Durch die zunehmenden gesetzlichen Verpflichtungen, z.B. die Verabschiedung der europäischen Richtlinie zur Barrierefreiheit von Websites öffentlicher Stellen, ist außerdem zu erwarten, dass das Thema Aufschwung erhält, IT Anbieter zukünftig besser zugängliche Systeme entwickeln und mehr Agenturen Barrierefreiheit in ihr Portfolio einbeziehen.

Welche Unterstützung gibt es?

Barrierefreies Webdesign ist kein Hexenwerk. Wer sich bislang noch nicht mit dem Thema beschäftigt hat, benötigt jedoch etwas Zeit, um sich einen Überblick zu verschaffen und sich einzuarbeiten.

Ausführliche Informationen und Hilfestellung erhalten Webanbieter und Redakteure in zwei Leitfäden des Projekts BIK für Alle: 

Leitfaden für Webseiten-Anbieter (http://www.bik-fuer-alle.de/leitfaden-fuer-webseiten-anbieter.html)

und

Webinhalte barrierefrei einpflegen (http://www.bik-fuer-alle.de/webinhalte-barrierefrei-pflegen.html)

In vorangegangenen BIK-Projekten wurde ein Verfahren zur Prüfung der Zugänglichkeit von Webseiten entwickelt.  Dieses Verfahren steht heute als BITV- und als WCAG-Test zur Verfügung. Die Tests werden von einem deutschlandweiten Prüfverbund angeboten und können sowohl entwicklungsbegleitend (bzw. zur Ermittlung des Status quo) als auch für eine Zertifizierung genutzt werden. Außerdem steht der Test auch als Online-Tool für eine Selbstbewertung zur Verfügung.

Ausführliche Informationen zu den Tests finden Sie unter www.bitvtest.de.

Das Verpackungsgesetz kommt zum 01.01.2019: Das sollten Online-Händler jetzt beachten

Geschrieben von Heike Stolz, Marketing & PR bei der Noventiz GmbH, 11.07.2018

Am 01.01.2019 tritt das neue Verpackungsgesetz in Kraft und löst die bis dahin geltende Verpackungsverordnung ab. Dabei sind die grundsätzlichen Verpflichtungen aus der Verpackungsverordnung geblieben. Das dort verankerte Prinzip der Produktverantwortung sieht vor, dass Hersteller für die Entsorgung ihrer Verkaufsverpackungen bezahlen müssen. Dies geschieht in Form kostenpflichtiger Lizenzierungs- bzw. Beteiligungsentgelte bei einem dualen System. Mit diesen Entgelten werden die Kosten für die Rücknahme und Verwertung dieser Verpackungen durch die dualen Systeme finanziert.

Für die Beteiligungspflicht ist entscheidend, ob die in Verkehr gebrachten Verpackungen in einem privaten Haushalt anfallen und dort entsorgt werden. In der Regel geschieht dies über die Gelbe Tonne (bzw. den Gelben Sack), je nach Materialart kann die Sammlung auch über die Papiertonne oder einen Glascontainer erfolgen. Eine Mindestmenge oder Untergrenze für diese Verpflichtung gibt es nicht, selbst geringe Mengen müssen bei einem dualen System lizenziert werden. Die Unternehmen müssen sich ihrerseits bei der Zentralen Stelle registrieren und zukünftig ihre Mengen dort melden.

Gerade kleine Online-Händler sind bisher dieser Verpflichtung – oft aus Unwissenheit – nicht nachgekommen. Das kann teuer werden: Ein Verstoß gegen die Meldepflichten kann zu einem Bußgeld von bis zu 200.000 Euro pro Fall führen. Außerdem droht bei einer fehlenden Registrierung und Systembeteiligung ein Vertriebsverbot. Unternehmen laufen also Gefahr, abgemahnt zu werden – beispielsweise von Wettbewerbern – und sollten daher das Verpackungsgesetz genauso ernst nehmen wie die Umsetzung einer Datenschutzgrundverordnung.

Versandverpackungen sind keine Serviceverpackungen

Versandverpackungen werden im §3 VerpackG definiert als „Verpackungen, die erst beim Letztvertreiber befüllt werden, um den Versand von Waren an den Endverbraucher zu ermöglichen oder zu unterstützen“. Damit sind also Verpackungen sowie Füllmaterial (z.B. Kartons, Füllmaterial, Folie) gemeint, die Online-Händler für den Versand ihrer Produkte an den Endkunden benutzen. Diese sind systembeteiligungspflichtig bei einem dualen System. Bereits in der aktuell geltenden Version der Verpackungsverordnung sind vorlizenzierte Versandverpackungen nicht mehr zulässig. Als Online-Händler kann ich mich also nicht darauf berufen, Verpackungen einzusetzen, die beim Kauf bereits als lizenziert gelten. Dieses Vorgehen ist ausdrücklich beschränkt auf sog. Serviceverpackungen. Typische Beispiele für Serviceverpackungen sind Brötchentüten, Fleischerpapier, Tüten für Obst- und Gemüse oder Coffee-to-go-Becher. Nur solche Serviceverpackungen dürfen bereits mit Systembeteiligung gekauft werden. Diese sollte über einen entsprechenden Beleg (z.B. Rechnung oder Lieferschein) nachgewiesen werden.

Verpackungsgesetz schafft Transparenz und legt Sanktionen fest

Eine wesentliche Änderung zur Verpackungsverordnung ist die Schaffung einer neuen Behörde, der „Stiftung Zentralen Stelle Verpackungsregister“. Mit Sitz in Osnabrück wird die Zentrale Stelle für deutlich mehr Transparenz sorgen. Dazu wird es ein öffentliches Register aller Unternehmen geben, die sog. systembeteiligungspflichtige Verpackungen in Verkehr bringen. Damit sind die Verpackungen gemeint, die beim privaten Endverbraucher anfallen. Jede Registrierung wird mit einer Registrierungsnummer abgeschlossen und über die Webseite der Zentralen Stelle öffentlich einsehbar sein. So wird sehr einfach nachvollziehbar, welche Hersteller oder Händler ihrer Verpflichtung gemäß dem Gesetz nachkommen.

Die Datenbank – das Verpackungsregister LUCID – wird voraussichtlich ab Ende August über die Webseite der Zentralen Stelle freigeschaltet sein. Details zum Registrierungs-Prozess will die Behörde rechtzeitig bekannt geben, damit die Registrierung für jeden Nutzer einfach zu erledigen ist. Auf der Homepage der Zentralen Stelle werden jetzt schon laufend Informationen zur Verfügung gestellt, z.B.  einen ausführlichen How-to-Guide sowie FAQs und einen Informationsfilm. Fest steht aber, dass jedes Unternehmen die Registrierung höchstpersönlich vornehmen muss – also keinen Dritten mit dieser Aufgabe betrauen kann. Auch wenn es bereits bestehende Verträge mit einem dualen Systembetreiber gibt, kann dieser nicht die Registrierung übernehmen. Bei allen anderen anfallenden Formalitäten oder Fragen können die Vertreter der dualen Systeme nach wie vor unterstützen.

Verpackungslizenzierung einfach erledigen

Die Beteiligung ein einem dualen System klingt komplizierter als es in der Realität ist. Für eine rechtssichere Lizenzierung braucht es lediglich eine Hochrechnung des Verpackungsaufkommens, unterteilt in die unterschiedlichen Materialfraktionen wie Glas, Papier / Pappe / Karton oder Kunststoff. Bei Unklarheiten zur korrekten Zuordnung helfen die Experten der dualen Systembetreiber. Oftmals kann dieser Prozess komplett online erledigt werden – inklusive Abschluss eines rechtssicheren Vertrages. So zum Beispiel über das Direkt-Portal der Noventiz. Händler bekommen im Anschluss sofort eine Bestätigung über die rechtssichere Umsetzung der geforderten Systembeteiligung.

Zusätzlich zur Registrierung müssen Hersteller und Händler im nächsten Schritt ihre Mengen, die bei einem dualen System lizenziert wurden, an die Zentrale Stelle übermitteln – und zwar unverzüglich. Bei der Meldung sind mindestens die folgenden Daten anzugeben:

  • Registrierungsnummer
  • Materialart und Masse der beteiligten Verpackungen
  • Name des Systems, bei dem die Systembeteiligung vorgenommen wurde
  • Zeitraum, für den die Systembeteiligung vorgenommen wurde 

Die Pflicht zur Mengenmeldung regelt der § 10 des Verpackungsgesetzes. Anders als bei der Vollständigkeitserklärung ist für die Meldepflicht keine Bagatellgrenzen vorgesehen und so müssen auch Inverkehrbringer von kleinen Mengen ihre Daten nach den oben genannten Kriterien an die Zentrale Stelle übermitteln. Da die Systeme ihrerseits ebenfalls Daten an die Zentrale Stelle weiterleiten, ist ein einfacher Datenabgleich möglich und ein hohes Maß an Transparenz gewährleistet.

Registrierungen können voraussichtlich ab Ende August vorgenommen werden. Dann soll die Registrierungsdatenbank LUCID fertiggestellt sein. Gerade Online-Händler, die bisher noch keine Mengen bei einem dualen System vorgenommen haben, sollten rechtzeitig prüfen, ob sie lizenzierungspflichtig sind. Falls ja, kann die Registrierung umgehend vorgenommen werden – zusätzliche Kosten sind damit übrigens nicht verbunden.

Barrierefreies Einkaufen im Web - Teil 1

erklärt von Heike Clauss, Projektleitung BIK für Alle

Immer mehr ältere Menschen kaufen im Internet ein. Für viele Kunden mit Behinderung ist das Shoppen im Web schon längst eine hervorragende Option, denn auch sie sind häufig nicht so mobil.

Damit zukünftig keine Barrieren die Nutzung des Webs erschweren, hat die Europäische Kommission im Dezember 2015 einen Richtlinienvorschlag, den sogenannten European Acessibility Act vorgelegt. Nach diesem Entwurf sollen in Deutschland erstmals auch verschiedene Branchen der Privatwirtschaft, explizit genannt ist der Bereich E-Commerce, zu barrierefreien Webangeboten verpflichtet werden. Zurzeit wird der Entwurf abschließend diskutiert und soll noch im Jahr 2018 verabschiedet werden.

Was kommt auf Online- Händler zu, wenn die Richtlinie verabschiedet wird? Was bedeutet Barrierefreiheit im Web eigentlich und wer profitiert davon? Wie lässt sich ein gut zugänglicher Webauftritt umsetzen und welche Kosten entstehen?

Um Fragen wie diese zu beantworten, kooperiert der bevh mit dem Projekt BIK für Alle (BIK steht für barrierefrei informieren und kommunizieren). BIK für Alle wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert, um über Vorteile und Umsetzungsmöglichkeiten eines barrierefreien Internets aufzuklären. Denn barrierefreies Webdesign ist mehr ist als ein lästiges Muss – Barrierefreiheit nutzt vielen Menschen, nicht zuletzt den Webanbietern selbst. Sie erweitern ihre Kundengruppe und verbessern das Suchmaschinenranking.

Barrierefreiheit im Web – wer profitiert davon?

Ein barrierefreier Internetauftritt kann von allen Menschen einfach und gut genutzt werden, egal, ob mit oder ohne Behinderung. Ein weltweiter Standard, die Web Accessibility Guidelinies (WCAG), gibt die Anforderungen an Barrierefreiheit vor. Ob diese Kriterien berücksichtigt wurden, sieht man einer Website von „außen“ nicht an. Barrierefreie Websites sehen nicht langweiliger aus oder müssen nicht auf aktuelle Features verzichten.

Was macht Barrierefreiheit dann aus? Und welche Nutzergruppen benötigen barrierefreies Design? Einige Beispiele:

Blinde und hochgradig sehbehinderte Menschensind besonders internetaffin. Eine Sprachausgabe liest ihnen den Internetauftritt vor, die blinden Nutzer schreiben und navigieren mit der Tastatur. Um eine Seite zu „überfliegen“, können sie zum Beispiel von Überschrift zu Überschrift springen. Damit die Sprachausgabe sämtliche Inhalte und Elemente einer Website wiedergeben kann, müssen diese jedoch korrekt ausgezeichnet sein. Überschriften müssen etwa mit dem entsprechenden Html-Code versehen werden. Die spezielle Software blinder und sehbehinderter Menschen kann die Auszeichnungen dann erfassen – übrigens genauso wie die ebenfalls „blinden“ Suchmaschinencrawler.

Viele Personen mit Seheinschränkung benötigen keine speziellen Hilfsmittel. Für sie ist es wichtig, dass sich Internetseiten gut vergrößern lassen oder Schriftkontraste gut sind. Menschen mit eingeschränkter Handmobilität, z.B. Rheuma, Gicht oder Arthritis, können unter Umständen die Computermaus nicht nutzen. Stattdessen arbeiten sie mit der Tastatur oder besonderen Eingabegeräten. Für sie ist es wichtig, dass der Auftritt tastaturbenutzbar ist. Auch hierauf sollte bereits bei der Entwicklung geachtet werden.

Ein weiteres Beispiel: Der Einsatz von Videos wird immer beliebter. Für gehörlose oder schwerhörige Zuschauerist die Untertitelung der Videos ganz wesentlich. Und schließlich bieten barrierefreie Webangebote auch für ältere Menschenviele Vorteile, eine gute Orientierung und einfache Navigationsmechanismen gehören dazu.

Vorteile für Webanbieter - Aber nicht nur für Menschen mit Einschränkungen bietet Barrierefreiheit eine Chance, auch Shop-Besitzer sollten die Vorteile erwägen:

  • Zielgruppe erweitern: Für Menschen mit Behinderung ist das Einkaufen vor Ort häufig mit Schwierigkeiten verbunden. Sie nutzen barrierefreie Webangebote sehr gerne zum Shoppen.
  • Suchmaschinenoptimierung:Durch einen semantischen Code, klarer Strukturierungen und Alternativtexte sind barrierefreie Webangebote in hohem Maße suchmaschinenfreundlich. 
  • Hohe technische Standards:Barrierefreie Internetseiten erfüllen höchste technische Standards. Webseiten werden browser- und plattformunabhängig gut dargestellt, haben schnelle Ladezeiten und sind leicht zu pflegen und zu warten.
  • Zukunftsorientierung:Barrierefreiheit und Inklusion liegen im Trend. Wer Barrierefreiheit umsetzt, zeigt soziale Verantwortung und tut gleichzeitig etwas Positives für sein Image.

Barrierefreiheit umsetzen

Barrierefreies Einkaufen im Web ist heute noch nicht die Regel. Dies zeigt etwa eine Studie (https://www.t-systems-mms.com/expertise/downloads/studie-barrierefreie-it-onlineshops.html) von T-Systems, in der die 15 umsatzstärksten Web-Shops in Deutschland auf Barrierefreiheit getestet wurden. Das Ergebnis: Nur ein Shop erreichte die Bewertung „gut zugänglich“. 10 Shops wiesen so große Mängel auf, dass Sie von Menschen mit Behinderung nicht selbständig genutzt werden können.

Wie sehen die Anforderungen an barrierefreies Webdesign aus?

Welche Anforderungen es gibt und wie diese genau aussehen, ist in den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) definiert. Diese Empfehlungen wurden vom World Wide Web Consortiums (W3C) entwickelt und sind international anerkannt. So hat Deutschland die Anforderungen der WCAG fast deckungsgleich übernommen und im Jahr 2002 die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) verabschiedet, die alle Bundesverwaltungen zu barrierefreiem Internet verpflichtet. Außerdem ist die WCAG Bestandteil der europäischen Norm EN 301 549 (PDF 1,56 MB).

Inhaltlich gibt der Standard detaillierte Kriterien wie zum Beispiel die Tastaturbedienbarkeit und gute Vergrößerbarkeit eines Webauftritts, kontrastreiche Schriften, Textalternativen für grafische Inhalte, konstistente Navigation etc. vor.

 

 

E-Commerce: Ab Werk der zeitgemäße Handelsberuf

von Martin Groß-Albenhausen, 18. Juni 2018

„Mit dem Begriff der Prozessorientierung verbindet sich die Idee einer Abkehr von hochgradig arbeitsteiligen betrieblichen Organisationsformen mit ihren Abstimmungs- und Schnittstellenproblemen sowie ihrer Neigung zur Bürokratisierung der Abläufe. Programm der prozessorganisatorischen Reorganisation war es demgegenüber, die betriebliche Organisation ausgehend von den wertschöpfenden Prozessen neu zu organisieren und dabei zugleich Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass repetitive Teilarbeit zu Gunsten „vollständiger Arbeitsprozesse“ „im Sinne der Zielsetzung, Planung, Durchführung, Bewertung der eigenen Arbeit im Kontext betrieblicher Abläufe“ zurückgedrängt wird. (...) Eine Prozessbetrachtung in Analogie zum Arbeitsprozesskonzept verfehlt in ihrer Beschränkung auf die Ebene der operativen Sachbearbeitung systematisch den strategischen und normativen Horizont kaufmännischer Tätigkeit und reproduziert damit ein Modell vertikaler Arbeitsteilung, das mit der Geschäftsprozessorientierung im Sinne der betriebswirtschaftlichen Organisationstheorie eigentlich gerade überwunden werden soll. (...) Resümierend kann festgehalten werden, dass sich eine Prozessorientierung kaufmännischer Curricula unter der Leitidee qualifizierter kaufmännischer Fallbearbeitung und zukunftsoffener Kompetenzen nicht auf die Rekonstruktion von Arbeitsprozessen auf der operativen Ebene beschränken darf, sondern die systemische Einbettung dieser Tätigkeiten in den Gesamtzusammenhang betrieblicher Zielorientierungen, Gestaltungs- und Strategieentscheidungen mit reflektieren muss.“

Tade Tramm, Kaufmännische Berufsbildung zwischen Prozess- und Systemorientierung

Ich entschuldige mich für das einführende, lange, theoretische Zitat, das auf den ersten Blick so gar nichts mit E-Commerce zu tun hat. Und doch alles. Es ist symptomatisch, dass dieser Text aus dem Jahr 2002 stammt. 16 Jahre später macht sich die berufliche Bildung zögerlich daran, sich unter dem Label „Irgendwas 4.0“ aus dem mechanistischen Arbeitsverständnis herauszuschälen und vernetzter zu denken. Nichts anderes kehrte thematisch wieder und wieder auf dem Jahreskongress 2018 des Bundesinstituts für Berufsbildung, vorvergangene Woche in Berlin.

Wann immer ich in diesen Tagen den neuen Ausbildungsberuf der E-Commerce-Kaufleute vorstelle, gibt es bei den Betrieben und Berufsschulen zwei Reaktionen: Skepsis, ob Azubis in der Lage sind, die Komplexität des E-Commerce zu verstehen. Und Zustimmung, dass der „unfaire Vorteil“ des E-Commerce genau in der Meisterung dieser Komplexität besteht.

Unser neuer Beruf ist nach mehr als 10 Jahren der erste neue kaufmännische Beruf. Wenn es so etwas wie die Gnade der späten Geburt gibt, dann trifft sie auf diesen von Grund auf neu gedachten Beruf zu. Denn wir mussten keine etablierten Berufsbildpositionen neu abfassen und uns dabei doch an der überkommenen mechanistischen Logik orientieren. Sondern wir konnten genau das in den Beruf hineinschreiben, was wichtig ist:

  • • Verständnis für einzelne KPI, aber auch das gesamte Zahlengebäude 
  • • Verständnis für einzelne Datenarten, aber auch für die Wertschöpfung aus der Verknüpfung unterschiedlicher Daten 
  • • Verständnis für einen Detail-Prozess, aber auch dafür, Prozessketten zu zerlegen, neu zu kombinieren oder zu verkürzen – stets unter Berücksichtigung der kaufmännischen Sinnhaftigkeit.

Der Präsident des BiBB, Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, zeigte Resultate eines umfassenden Berufe-Screenings des Instituts. Der Stellenwert einzelner Fähigkeiten und Fertigkeiten wird über alle Berufe wie folgt prognostiziert:

Auf den Handel bezogen, löst der neue Ausbildungsberuf diese Erwartungen exakt ein – bis hin zum Verständnis, dass E-Commerce-Kaufleute nicht selbst programmieren, aber extrem versiert darin sein müssen, mit digitalen Technologien umzugehen.

Die vom BiBB als für alle Berufe gültig herausgearbeiteten Tendenzen lesen sich bei Esser wie folgt:

  • • Routineaufgaben wie z.B. einfache Verwaltungstätigkeiten nehmen ab – hingegen Zunahme komplexer Aufgaben wie Recherche-, Analyse- und Kontrolltätigkeiten 
  • • Gefragt sind IT-Knowhow: Bedienen digitaler Medien, digitale Abläufe und Abhängigkeiten im System nachvollziehen und mögliche Auswirkungen antizipieren 
  • • Umgang mit Daten: Große Datenmengen filtern und handhabbar machen, Daten kontrollieren und pflegen, Daten einordnen, verstehen, auswerten und interpretieren unter Wahrung von Datenschutz und -sicherheit 
  • • Projektarbeit: Von unterstützenden Projektassistenzaufgaben bis hin zum eigenständigen planen und durchführen von Projekten. Kollaboration und Kooperation in Teams 
  • • Schnittstellenmanagement: Vermittlung und Koordination zwischen internen Fachbereichen, Verständnis der Geschäftsprozesse und zunehmende Kommunikationsfähigkeiten auch über unterschiedliche Medienkanäle 
  • • Wachsende Kundenorientierung: Umgang mit anspruchsvolleren Gesprächssituationen, z.B. bei Sonderanfertigungen (Losgröße 1), Komplikationen und Reklamationen 
  • • Insgesamt steigende Anforderungen an Selbstkompetenzen, Flexibilität, Disziplin, Problemlösefähigkeiten, sorgsamer Umgang mit den eigenen Kräften und Selbstbewusstsein 

E-Commerce-Kaufleute als Leuchtturmprojekt moderner Berufsbildung. Ich freue mich, dass so viele unserer Mitgliedsbetriebe von Anfang an als Ausbilder dabei sind. Gehen wir weiter voran!

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Jahresbericht 2017


                                 

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